Transkript Arbeit im technologischen Wandel (Ringvorlesung)
(Berthold Bose) Meinen herzlichen Dank. Arbeit im technologischen Wandel, so ist die Überschrift zu dem Thema heute Abend und ich denke, vieles von dem, was wir gerade erleben in der Arbeitswelt, macht uns unsicher. Einige mehr, weil sie unmittelbar betroffen sind. Und ich möchte Ihnen einen kleinen Einblick in dieses Thema geben, das verschiedene Überschriften in den Medien erfährt. Diese Überschriften sind ganz unterschiedlich. Aber sie sind alle zu subsummieren in eine große Bewegung. Und wenn Sie mir gestatten, nehme ich Sie mit auf eine kleine Reise, einen kleinen Überblick über das, was wir gerade sehen, was wir feststellen, in etwa einer Viertelstunde, zwanzig Minuten und freue mich anschließend auf eine spannende Diskussion mit Ihnen oder auch Statements zu dem, was ich Ihnen mitteilen kann.
Ich will mal anfangen mit einer kleinen Einordnung dessen, was wir gerade erleben, nämlich in das, was wir gerade an großen Entwicklungen sehen. Und ich möchte mal vier große Entwicklungen nennen, die maßgeblich sind für die Änderung der Arbeitswelt. Es sind erst mal zwei Megatrends. Die zwei Megatrends will ich mal überschreiben mit: einmal die Ökologisierung – das Thema Klimawandel beherrscht uns weltweit – und: das zweite Mega..., der zweite Megatrend ist sicherlich mit dem Thema Digitalisierung, Schrägstrich KI, zu übersetzen, denn auch das passiert parallel und beherrscht uns weltweit und verändert das alles gerade. Darunter gibt es aber ein paar Rahmenbedingungen weltweit, die zu dem führen, was wir derzeit in der Arbeitswelt entdecken, feststellen oder selbst erleben.
Ich nenne mal als Erstes das Thema "politische und wirtschaftliche Umbrüche". Das merken wir gerade. Wirtschaftliche Umbrüche über die beiden Trends, die ich gerade genannt habe. Politische Umbrüche, auch das sehen wir. Wir haben, ich glaube alle, ein wenig gebangt, als in Amerika vor einigen Monaten die Wahl war. Und haben vielleicht viele von uns gehofft, dass es nicht Trump wird, der gewinnt, und haben den Atem angehalten, als er dann doch versucht hat, seine Macht zu festigen. Politische Umbrüche, so wie wir sie gerade sehen, im Ausdehnen von Herrschaftsgebiet in der Ukraine. Alles das ist instabil, ist fragil und braucht starke Bündnisse, die in der Vergangenheit über Wirtschaftssysteme hergestellt wurden. Was wir auch sehen, ist, dass Rohstoffländer mit neuem Selbstbewusstsein in die Weltwirtschaft eintreten, was gut und richtig ist, und was aber zu, ich sage jetzt mal, Veränderungen führen kann.
Die zweite Überschrift möchte ich mit Klimawandel und Ökologisierung beschreiben. Das ist das, was wir gerade feststellen, die Sensibilisierung der Menschen für Umweltthemen. Es findet endlich Gehör, was gehört werden muss, aber auch mit all den Themen. Wir sehen und fühlen und kriegen mit, die Erderwärmung und den Klimawandel, es wird stärker berichtet. Wir sehen auch, das Thema Schadstoffausstoß, er hat eine größere Bedeutung bekommen. Wir sehen, dass wir neue Märkte und Umweltschutztechnologien gerade auf dem Markt feststellen. Das heißt, es tut sich ganz viel unter dieser Überschrift. Und, letztendlich, im Moment sehen wir, dass sich die Energie verteuert. Das ist das, was die meisten von uns unmittelbar betrifft und was die meisten unmittelbar spüren. Unabhängig von dem, was wir gerade an verrückten Geschichten bei der Energie erleben, bei Gas-Öl-Preisen, die durch die Ukraine, durch den Ukrainekrieg, verursacht sind.
Wir haben weiter eine große Überschrift, nämlich eine wachsende Mobilität und Logistikbedürfnisse. Ich hätte beinahe "Amazonisierung" geschrieben. Wenn wir uns angewöhnen, unsere Ware im Internet zu bestellen, hat das etwa direkte Auswirkung auf die Logistikbranche und auf das, was auf unseren Straßen stattfindet, aber auch auf Arbeitsverhältnisse, die damit zu tun haben. Was wir gesehen haben, bis vor der Pandemie, ist ein stetig wachsender globaler Tourismus. Wir haben noch nie so viele Kreuzfahrtschiffe bis Ende 2019 auf der Welt gesehen, belegt, voll ausgelastet, sodass der Markt da gekippt ist und es wurden immer mehr und schnellere und größere Schiffe gebaut.
Jetzt in diesen Tagen wird in Hamburg eine "Aida Cosma", glaube ich, heißt sie, getauft. Sie ist schon zweimal ab Hamburg abgefahren auf Jungfernfahrt. Die hat sechstausend Passagiere. LNG-Antrieb. Das ist wieder der Blick auf den Klimawandel und Öko... aber: sechstausend Passagiere. Und viele dieser Kreuzfahrtschiffe fahren im Moment überhaupt nicht. Da gibt es offenbar auch eine Veränderung des Bewusstseins. Logistik, Warenströme und auch zunehmender Personenverkehr weltweit. Und das, was sich auch verändert, ist eine Verstärkung des Zusammenspiels der verschiedenen Mobilitätsformen. Also, das Ineinandergreifen hat sensible Punkte und Übergabestellen und genau um die geht es auch bei der Verteilung und bei den Machtkämpfen derzeit, bei der Verteilung von Wirtschafts- und Warenströmen. Hier ist das Stichwort "Seidenstraße", glaube ich, bei allem ganz gut und prägnant im Ohr.
Den letzten Punkt, den ich hier anführen will, ist damit unmittelbar verbunden. Es ist nämlich eine zunehmende Sensibilisierung der Wirtschaft, eine zunehmende weltweite Risikodichte in dem Wirtschaftssystem und damit Auswirkungen auch auf die Arbeitsplätze. Wir haben eine Megavernetzung, will ich mal sagen, von Wirtschaftszyklen. Wir haben Monokulturen in Produktion. Wir haben eine unglaublich steigende Komplexität von Wertschöpfung und Logistik. Das hat etwas mit der Digitalisierung und der Technologie zu tun, denn die braucht immer schwieriger zu beschaffende Stoffe, einzelne Stoffe, gerade was Technologie und Computertechnik angeht. IT-Technik ist da sozusagen ein beherrschendes Thema. Wir sind anfälliger geworden für Wirtschaftskrisen oder wenn etwas in diesem Gesamtablauf gestört ist.
Ein direktes Beispiel kann man sehen, wenn man auf die Logistikprobleme guckte in der Pandemie, wenn mehrere Häfen in einem Staat nicht funktioniert haben, dann ging hier bei H & M, Zara und Co., aber auch bei manchem einfachen Lebensmittelhandel nichts mehr. Denn die haben einfach die Ware von gestern verkaufen müssen, insofern sie irgendwo drauf waren. Das heißt, die Container, die da hin- und hergeschafft werden müssen, sind weltweit in einem Reigen, in einem Zusammenspiel. Und wenn das nicht funktioniert, wenn das nicht aufeinander abgestimmt ist, weil es Krisen gibt in einzelnen Städten oder Ländern, dann haben wir sofort eine Auswirkung auf die gesamte Weltwirtschaft und auch auf Deutschland.
Wir haben ein zunehmendes Konfliktpotenzial zwischen Arm und Reich. Das nimmt zu, und zwar nicht nur beobacht- und belegbar in Deutschland, sondern tatsächlich weltweit. Und dieses erzeugt – und das ist schon in den neunziger Jahren so als These aufgestellt worden, damals von unserem Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt –, erzeugt die Ströme von Menschen, die aus den ärmeren Gebieten dann in die reicheren Gebiete hineinwollen. Da haben wir die Migrationsströme, die damit unmittelbar zu tun haben.
Last but not least will ich auch etwas nennen, was mit dem Bereich der Ökologie und des Klimawandels zu tun hat. Das ist nämlich die Häufung von Naturkatastrophen und extremen Wetterereignissen. Das hat Auswirkungen auf die Wirtschaft, das hat Auswirkungen auf Versicherungen, auf Verhalten. Das hat Auswirkungen darauf, wie denn sozusagen die Wirtschaft sich selbst abstimmt und wie die Wirtschaft miteinander umgeht, wenn sie denn diese Risiken irgendwie einpreisen will, denn das wird nachher – oder passiert auch jetzt schon. Das eine, was ich noch nicht genannt hab, muss man aber subsummieren. Das ist das, was wir immer noch gerade erleben in der Pandemie, nämlich ein zunehmendes Risiko großer Epidemien über die Warenströme, über die Personen, über den Tourismus stärker und schneller verbreitet, als wir das vor fünfzig oder hundert Jahren jemals uns hätten träumen können. Das ist sozusagen... Das sind diese großen Bereiche, die maßgeblich Einfluss haben auf die Arbeitswelt, auf die Wirtschaft, die dann wiederum sozusagen Niederschlag finden in der sich verändernden Wirtschaft, auch hier gerade in Deutschland das, was wir beobachten können.
Also, welche Folgen ergeben sich daraus? Also was hat man denn da zu beobachten? Wir sehen ein Anpassen der Wirtschaft an diese schneller, wechselnde... das wechselnde Bedürfnis an bestimmten Warengütern, auch an das Wachstum von Waren, von bestimmten Wirtschaftszweigen und damit auch Kapazitäten, die ausgebaut werden. Wir haben ein Aufweichen eines traditionellen Mitarbeiterbildes. Das, glaube ich, kann man beobachten. Während man bis vor zwanzig, dreißig Jahren noch davon ausging: Man geht in eine Firma, ist einen längeren Zeitraum da, außer man ist im Management, dann halt einen kürzeren Zeitraum, aber man hat längere Verweildauern in den Firmen. Das ist heute nicht mehr so, weil sich das Bild des traditionellen Mitarbeiters verändert hat. Das heißt, das, was die Beständigkeit mit Arbeitgebern zu tun hat, aber auch, was den Arbeitsplatz an sich angeht und die Erledigung der Arbeit, dazu komme ich gleich noch.
Dann sehen wir den Wegfall von Arbeitsplätzen – und dazu gehe ich gleich noch mal näher ein – über eine Veränderung der Rahmenbedingungen und auch Ansprüchen, die an die Unternehmen gestellt werden. Wir haben das schon seit einiger Zeit deutlich gesehen, dass wir aus dem Portfolio der vorhandenen Berufsbilder mit einmal viele Untergruppen entdecken. Während ich damals, als sie, wie Sie vorhin hörten, noch Elektrik gelernt habe, da gab es ein Portfolio, das war um ein Vielfaches kleiner an Ausbildungsplätzen oder auch an Studienangeboten als das, was wir heute sehen können. Also eine Spezialisierung findet in diesem Bereich auch statt und damit entstehen eine Vielzahl neuer Berufsbilder als Abwandlung von bestehenden.
Wir sehen und beobachten eine Verdichtung der Arbeit bei den einzelnen Mitarbeitern. Einfache Tätigkeiten werden herausgelöst und die anspruchsvollen Tätigkeiten bleiben und verdichten sich. Das heißt, wir erleben hier eine stärkere Anforderung an den Einzelnen, was die Leistungsfähigkeit angeht für das Unternehmen. Dazu passt irgendwie gar nicht, aber vielleicht doch, die Entwicklung auf das Einfordern von offeneren Arbeitsstrukturen. Auch das ist etwas, was wir gerade sehen in der Arbeitswelt, dass sich Arbeitsstrukturen, die bislang sehr tradiert waren, sich komplett verändern. Das hat mit der Form der Erbringung der Arbeit zu tun, das Übernehmen von Verantwortung, oder auch, dass die Freiräume, die man erhält für die Gestaltung der Arbeit und die Erledigung der Arbeit als Aufgabe – nämlich im Zweifel im Team. Der Arbeitsort spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Der Arbeitsort hat sich auch verändert, weil sich der Zusammenhalt und die Aufgaben für die Erledigung einer Aufgabe ebenfalls verändern. Dazu komme ich aber gleich noch einmal.
Was wir auch sehen und was dramatische Auswirkungen hat auf den Arbeitsmarkt, ist eine im Moment wieder zunehmende Automatisierung und Digitalisierung und damit eine, ich sage jetzt mal, Verlagerung von komplexen Arbeitsaufgaben in eine automatisierte und digitalisierte Umgebung. Und die Einzelaufgaben, die bislang zu der Erfüllung dieser Gesamtaufgabe geführt haben, lagen beim Menschen und die wird jetzt sukzessive ein Stück verlagert in Richtung digitalisierte Maschinen. Das sind Prozesse, die führen in einigen Unternehmen auch dazu, dass eine Fehlerhäufigkeit abnimmt, dass die Produktivität steigt, dass längere Produktivitätszeiten mit hoher Qualität entstehen. Alles das ist natürlich etwas, was lockt und was die Industrie und auch die Wirtschaft gerne hat. Also neue – Entschuldigung – digitale Produktionsverfahren bestimmen gerade unsere Wirtschaft und unsere Industrie.
Und das bezeichnen wir als "Transformation der Arbeit". Das ist so der Überbegriff, den Sie gerade überall lesen können und der steht für ganz unterschiedliche Entwicklungen, aber innerhalb eines solchen Trends. Jetzt kann man dem entgegenhalten: Arbeit ändert sich doch immer. Die Arbeit eines Schornsteinfegers, um ganz beim einfachen Beispiel zu bleiben, sieht heute gänzlich anders aus als die Arbeit noch vor fünfzig Jahren oder vielleicht noch vor zwanzig Jahren. Heute sind sie mit digitalen Endgeräten ausgestattet, messen digital die Heizungen aus, messen den CO-Gehalt, die Stickstoffgehalt und ähnliches. Das alles ist eine ganz normale Tätigkeit geworden in diesem Bereich. Weg vom reinen Kehren und Reinigen des Schornsteins. Also kann man vom Schornsteinfeger schon gar nicht mehr reden. Also da verändern sich auch Berufsbezeichnungen.
Manche Arbeitsweisen überdauern einen längeren Zeitraum, bleiben also stabil, ohne maßgebliche Veränderung und andere verändern sich in immer kürzeren Zyklen. Das ist leicht zu beobachten und möglicherweise auch in Ihrer Umgebung so zu sehen. Und verstärkt wird das, wenn wir disruptive Veränderungen in der Technologie oder in unserer Gesellschaft sehen. Immer, wenn so eine Unterbrechung, ein solcher Sprung, zum Beispiel in Technologie, stattfindet, haben wir eine Veränderung in der Arbeit.
Wenn ich heute in die Gewerkschaft zum Beispiel schaue, die Kolleginnen und Kollegen, die bei uns als Gewerkschaftssekretär in die Betriebe gehen, die sind heute hundert Prozent abhängig davon, dass sie digital mobil kommunizieren können. Das heißt, ein Handy, so wie wir es heute kennen, als Endgerät, gibt es ja gerade mal – korrigieren Sie mich – fünfzehn, siebzehn Jahre so um den Dreh rum. Vorher gab es so ein Mobiltelefon mit all diesen Techniken als Smartphone nicht. Bis dahin konnte man zwar mobil telefonieren, aber nicht all das tun, was wir heute tun können. Möglicherweise nimmt der eine oder andere an dieser Zoom-Konferenz per Handy teil. Die Kommunikation, so wie wir das jetzt tun, nämlich über Videokonferenz...
Sehr geehrte Damen und Herren, wer hat denn vor, sagen wir mal, drei Jahren – ein überschaubarer Zeitraum – also vor der Pandemie, das als regelmäßiges übliches Werkzeug genutzt? Das ist, ich glaube, eine begrenzte Anzahl. Wir haben also eine, ich würde sagen, Fortentwicklung, manchmal beschleunigt, in diesem Fall über eine Pandemie, die Fortentwicklung in der Technologie. Das, was wir nutzen und wie wir arbeiten, wird dadurch ein Stück beschleunigt. Also die Sensorik und die Robotik – die habe ich jetzt noch gar nicht so genannt – ist genauso ein Baustein wie die Informationstechnik, so wie wir das jetzt gerade gesehen haben oder wie ich es beschrieben habe beim einfachen Beispiel eines Mobiltelefons oder unserer Notebooks, mit denen wir arbeiten. Die Sensorik und Robotik ist so fein, ist so schnell gewachsen, hat sich so, sagen wir mal, sprunghaft entwickelt, sodass die Technologie, die dazu führt, eine Geschwindigkeit voran legt, die manchen Menschen jetzt außer Atem werden lässt. Das heißt, das, was möglich ist in diesem Teil der Entwicklung, gerade in der Industrie eingesetzt, ist noch undenkbar gewesen.
Wir sehen es in der Industrie, wir sehen es aber auch in der Medizin, zum Beispiel bei Operationen in Krankenhäusern. Ich darf ein Krankenhaus, nämlich die Asklepius, Asklepius-Kliniken in Hamburg, als Aufsichtsrat begleiten. Dadurch habe ich da einen guten Einblick. Diese Technik, die dort angewandt wird, wo man Anleitungen hat über viele hundert Kilometer entfernt, da sitzt der Fachmann. Wir haben die Steuerung über Roboterarme bei minimalinvasiven Operationen. Alles das ist ein unglaublicher Fortschritt. Ein Segen natürlich, aber auch eine deutliche Veränderung der Arbeitsweise in verschiedensten Bereichen.
Was wir auch sehen, ist ein stärkeres Zusammenwachsen von Mensch und Maschine. Angekündigt schon vor einigen Jahren für die Industrie beim Bauen, zum Beispiel neue Automobilwerke. Aber heute ist es tatsächlich Alltag geworden, dass die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine immer gleitender wird, immer angepasster wird, sodass wir hier eine Entwicklung sehen. Wenn wir – das habe ich gerade schon mal angesprochen –, wenn wir draufgucken, wo wird denn eigentlich die Arbeit erledigt und wie wird sie erledigt, will ich da noch mal auf einen besonderen Punkt hinweisen:
Wir haben bislang als Führungskultur es so gehabt, dass Führungskräfte ausdrücklich für sich in Anspruch genommen haben, ihre Beschäftigten, die ihnen zugeordnet sind, zu kontrollieren, zu sehen: Erstens: Sind sie morgens pünktlich da? Zweitens: Sind sie lang genug da? Haben sie ihre Pausen nicht überschritten? Arbeiten sie produktiv? Das stichprobenartig auch zu nennen. Diese Führungsform und Leitungsform hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Man hat die Übertragung von Einzelaufgaben der Selbstorganisation von Aufgabenerledigung übertragen in Teams. Diese Form von Arbeitsübertragung kannten wir aus Projektarbeit, wo ein ganzes Team in Projektarbeit gearbeitet hat. Wenn man dort die Verantwortung hineingegeben hat, hat man gesagt: „Das ist die Aufgabe, die müsst ihr erledigen, so gut es geht. Die Zeit, die ihr dazu fügen habt, kennt ihr. Macht und berichtet mir regelmäßig." Dann hat so ein Projektteam genauso gearbeitet. Die Projektarbeit kannte das auch gar nicht anders, nämlich sehr frei gearbeitet und dann im Zweifel im Team interdisziplinär möglicherweise.
Heute wird dieses Instrument genutzt, um Teams zu führen, indem man in die Führungsverantwortung ein Stück selbst überlässt. Auf der einen Seite ein Stück Freiheit, auf der anderen Seite birgt es natürlich eine Gefahr für Beschäftigte, die mit einer solchen Form nicht umgehen können. Das Erleben von mehr Freiheit bei dieser veränderten Führung überwiegt bei den allermeisten allerdings. Was wir dann auch sehen, ist eine Veränderung, zum Beispiel, von Arbeitsräumen. Es sind klassischerweise Büros mit ein oder zwei Arbeitsplätzen üblich gewesen, wenn man von Büroarbeit sprach.
In den 80er Jahren hat man die Großraumbüros erfunden. Die hat man wieder weg erfunden und mittlerweile geht der Trend wieder hin zu größeren Büros, in denen dann ganze Teams sitzen und miteinander produktiv arbeiten sollen. Das heißt, dieses Hin-und-Herschwanken ist etwas, was mit der Führungsform und der Arbeitserbringung und dem Selbstverständnis, wie man denn die Arbeit erledigt haben möchte, zu tun hat. Also hier ist sozusagen eine Veränderung des Arbeitsortes, eine Veränderung der Führung von Menschen in der Arbeitswelt zu sehen. Und beim Arbeitsort sehen wir auch, dass, befeuert durch die Pandemie, die Erledigung von Arbeit überhaupt nicht mehr im räumlichen Zusammenhang mit der üblichen Arbeitsstätte erfolgen muss, sondern über die technologische Möglichkeit von Endgeräten wie Notebooks, über das Schalten von sicheren Datenleitungen, über Kamerasysteme. Überall – mit all diesen Möglichkeiten haben wir die Chance, von zu Hause aus oder von jedem anderen Ort, wie auch immer zu arbeiten, solange datenschutzrechtliche Prinzipien eingehalten werden. Das ist ein großes Lockmittel für die Wirtschaft. Dazu gleich noch mal was.
Ich möchte Ihnen noch mal einen Überblick geben an einem Beispiel, wie sich denn diese Trends, die ich gerade aufgezeigt habe, ganz konkret auswirken können. Die Weltwirtschaft funktioniert über Warenströme – das habe ich gerade schon mal gesagt – und diese Warenströme laufen wirklich rund die Welt. Und ganz oft sind die Waren ganz schlicht einfach verpackt in einem Container. Da, wo sie produziert werden oder da, wo die Roh-Güter hergestellt werden, werden sie zusammengefasst und verschickt an den Produktionsstandort. An den Produktionsstandorten zusammengefügt unter den Arbeitsbedingungen in aller Regel da, wo die Arbeit sicher, aber am günstigsten ist. Diese Produktionsstandorte sind irgendwo in der Welt. Produktionswege sind abhängig von den Produktionsorten, von den Städten, an denen Waren hergestellt werden, und die müssen transportiert werden. Diese Warenströme sind umkämpfte Wirtschaftsarme.
Nicht umsonst hat China seine Seidenstraße neu belebt mit dem Begriff und hat gesagt, die Seidenstraße geht von China quer durch Europa bis in Deutschland – ich weiß nicht, ob Sie es wissen – bis nach Duisburg. Das soll das Ende der Seidenstraße sein. Hamburger schreien alle auf und sagen: „Seid ihr verrückt? Natürlich nicht Duisburg, sondern Hamburg!" Was wir erleben, ist, dass die Warenströme aber an bestimmten Dreh-und Angelpunkten umgeschlagen werden müssen, damit sie auf Schiffe kommen, immer größer werdende Schiffe, die dann die Waren hertransportieren. Den Hamburger Haufen laufen Schiffe an, die, ich sage mal, Feeder-Schiffe sind, nur ein paar hundert oder ein paar wenige tausend Container haben. Oder auch die großen Schiffe, vierzehn-, sechzehn-, zwanzigtausend oder die größten fast vierundzwanzigtausend Standardcontainer. Wenn so ein Schiff voll ist, kommt es rein und muss entladen werden.
Diese Drehscheiben, nämlich die Häfen in der Welt, sind heiß umkämpft und die Reeder, denen die Schiffe gehören, die sie betreiben, also nicht die Eigner, sondern die Reeder, die die Schiffe betreiben, suchen sich die Häfen aus – da wo es am günstigsten, am schnellsten entladen werden kann und die Ware schnell abtransportiert werden kann. Wenn wir uns einen solchen Hafen angucken, muss an so einem Terminal, das ist sozusagen der Bahnhof, in dem ein solches Schiff einfährt, müssen diese Boxen runtergeladen werden und von dort aus schnell weiter transportiert werden. Wenn ein solches Terminal herkömmlich arbeitet, arbeiten rund zweitausend Kolleginnen und Kollegen an solchen Terminalen. Wenn es analog läuft, weitgehend analog.
Wenn ein Terminal automatisiert ist, dann arbeitet nur noch ein Bruchteil dieser Beschäftigten an der Kaikante beim Entladen der Waren. Wir haben in Hamburg zum Beispiel den Umbau der größten Lager- und Logistik-Aktiengesellschaft eines Terminals avisiert und dieser Umbau soll rund fünfhundert Arbeitsplätze kosten. Fünfhundert. Wenn wir alle Terminals auf diese Art und Weise umstellen wollen – und da sind sie nicht vollautomatisiert, sondern teilautomatisiert mit digitaler Technik dahinter, – sind mit einem Schlag mehrere tausend Arbeitsplätze verlustig.
Das, was da passiert, ist aber nicht, weil man sagt, das geht uns alles hier zu langsam, sondern weil weitere Häfen schneller umschlagen können, mit mehr Technik umschlagen können. Und also befindet sich selbst ein solches Drehkreuz in einem Wettbewerb zu anderen Häfen, die auch in Europa entladen können. Dieser Wettbewerb, den ich jetzt hier am Beispiel des Hafens schildere, der dehnt sich natürlich auf die Folgelogistik ganz genauso aus. Warenströme funktionieren so, wenn sie sicher sind und wenn sie schnell funktionieren. Das heißt, es muss die Ware auch schnell von der Kaikante dann über Logistiker, sei es Schiene oder sei es der LKW, weiter transportiert werden. Deswegen sind die Straßen oder auch die Schiene so extrem wichtig für Hamburg. Wenn wir das anschauen, haben wir eine Kette von Abhängigkeiten voneinander, von Übergabepunkten, die ineinandergreifen und wiederum hier eine Abhängigkeit schaffen in der Weltwirtschaft, die unter Marktdruck steht.
Bedeutet: Neue Technologie, digitale Technologie, verändert hier die Arbeitswelt, indem Arbeitsplätze in großem Maße wegfallen und damit eine Sensibilität für den Hamburger Arbeitsmarkt entsteht. Die Arbeitsplätze verändern sich auch maßgeblich. Wenn bislang zum Beispiel ein Container von einem Kollegen, der da oben auf der Brücke saß, entladen wurde, so ist die Zukunft, dass jemand in einem Büro sitzt und per Joystick diese Container vom Schiff entlädt. Weit entfernt von Wind und Wetter und er muss nicht dort oben in der Kanzel in dreißig Meter Höhe sitzen. Das Gleiche gilt für den Transport über Land. Der Container, der abgeladen wird und dann an der Hafenkante entlangfährt zu einem Übergabepunkt, wo dann wiederum entladen wird auf LKWs oder die Schiene. Das passiert heute von einer Person, die auf diesem Spezialtruck sitzt, der den dann schnell irgendwo anders hinfährt und wieder zurückkommt, um den nächsten Container aufzunehmen. Das passiert auch im Hamburger Hafen schon personenlos. Die Autos fahren dort, ohne dass irgendjemand sich dort drin befindet, computergesteuert.
Diese Umstellung, die wir da sehen, jetzt am Beispiel Hamburg und Hafen: Also etwas, da habe ich rausgegriffen, was nicht so übertragbar ist, ist aber doch übertragbar – und zwar auf alle produzierenden Bereiche. Wenn wir einmal raufschauen in die Industrie, so hat der Aufschrei in der Automobilindustrie vor zwei, drei Jahren für Aufsehen gesorgt, eher drei Jahre her. Als nämlich gesagt wurde: Wenn wir jetzt Batterieautos bauen sollen, werden wir dreißig Prozent der Arbeitsplätze nicht mehr brauchen. Hat sich jeder gefragt: Wieso das denn? Ist doch unsinnig?! Die bauen doch nach wie vor Autos und wahrscheinlich sogar noch mehr und dann ist es noch umweltfreundlich. Das hat damit zu tun, dass ein herkömmliches Auto, also ein benzin- oder dieselgetriebenes Auto aus circa zehntausend Teilen besteht. Ein batteriebetriebenes Auto kommt mit etwa zehn Prozent dieser Anzahl der Teile aus. Das hat etwas also damit der Zuliefererindustrie zu tun und hat etwas mit der Montage zu tun. Also wenn wir auch in dem Bereich sehen, dass etwa dreißig Prozent der Beschäftigten in der Automobilindustrie nicht mehr gebraucht werden, wenn Teile in der weiteren Industrie, die automatisiert und digitalisiert werden, nicht mehr gebraucht werden, dann muss man natürlich draufschauen und sagen: Wo ist denn die Transformation? Betrifft die denn nur die Wirtschaft, um schneller produzieren zu können und billiger im Wettbewerb, in einem Wettlauf miteinander? Oder gibt es denn auch anderes?
Ich bleibe mal beim Hafen, um es auch wieder einfach und deutlich zu machen. Bislang ist zum Beispiel das Transportmittel, das den Container von links nach rechts fährt, ein Transportmittel, das mit, zum Beispiel, einem herkömmlichen Antrieb funktioniert. Ersetzt man den Antrieb zum Beispiel mit einer Batterietechnik, so braucht es wiederum Spezialisten, die diese Batterietechnik warten. Jede Technologie, die verbaut wird, ist anfällig. Man muss ein Backup halten. Wir brauchen IT-Spezialisten, die das programmieren. Wir brauchen Spezialisten vor Ort, die das warten. Alles das sind neue Berufsbilder, die man braucht. Wir brauchen vielleicht nicht mehr den herkömmlichen Mechatroniker, der dann an der Kai-Kante steht, um etwas zu reparieren oder etwas auszutauschen, sondern wir brauchen jetzt auch zunehmend IT-Spezialisten oder IT-Kenntnisse beim gleichen Berufsbild.
Das heißt, das Berufsbild verändert sich ein Stück. Das beobachten wir, an diesem Beispiel geschildert, in allen Bereichen. Das heißt, wir brauchen mehr Wandel in der Spezialisierung, in der Technologie, Technologie-Transfer in die neuen Berufe und wir brauchen eine andere Form von Qualifizierung. Wenn ich jetzt, um am Beispiel zu bleiben, fünfhundert Hafenbeschäftigte mit einem Mal von heute auf morgen nicht mehr brauche und ich setze sie dem Arbeitsmarkt, stelle sie zur Verfügung, oder ich sage von den fünfhundert kann ich einhundert spezialisieren. Dann habe ich aber vierhundert andere. Was ist denn mit denen? Was wir beobachten, ist, dass die Qualifikation der Beschäftigten, die derzeit ihren Job mutmaßlich verlieren oder jetzt schon gerade verlieren, nicht übereinstimmt mit der Qualifikation, die gefordert wird und gebraucht wird und gesucht wird auf dem Arbeitsmarkt. Also haben wir einen Gap.
Und da haben wir schon den ersten Punkt, wo wir aufmerken müssen und sagen: Wenn das die Beobachtung ist und es gibt dieses Gap, ist das Thema Qualifizierung und der richtige Zeitpunkt zur Qualifizierung, um eine Transformation auch mitzumachen und dem Arbeitsmarkt dann auch zur Verfügung zu stehen, essenziell. Das ist etwas, was wir brauchen. Wenn wir gucken, wie viele Menschen, wie hoch ist eigentlich die Bildung im digitalen Bereich? Wie gebildet ist denn der übliche durchschnittliche Beschäftigte im digitalen Bereich?
Dann kann man feststellen, einmal durch einfach empirische Untersuchungen, dass etwa einhundert Prozent der vierzehn- bis neunundvierzig-Jährigen allein schon Internetnutzer sind. Das heißt, durch die Nutzung des Internets gibt es ein Basiswissen, das da ist. Das sind etwa achtundachtzig Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland, die das Internet nutzen, regelmäßig oder auch nicht regelmäßig. Die über neunundvierzig-Jährigen tun sich damit schwerer als die unter neunundvierzig-Jährigen. Jetzt kann ich Ihnen verraten, ich bin über neunundvierzig, nutze das Medium aber trotzdem und es hilft. Wenn wir schauen, was bedeutet das? Dann bedeutet das, dass wir Qualifizierung über bestimmte Technologien, bei denen es sich um unter-neunundvierzig-Jährige handelt, leichter ist. Weil sie es vermitteln, weil die Grundkenntnisse da sind und ein aktives Aneinandersetzen mit dem Medium da ist, als bei den über-neunundvierzig-Jährigen.
Und wenn wir jetzt mal die Rentenerwartung anschauen: Es wird erwartet, dass wir derzeit bis siebenundsechzig arbeiten. Dann hat ein Fünfzigjähriger noch schlappe siebzehn Jahre im Arbeitsleben vor sich, die er da auch verbringen soll. Denn auf der anderen Seite hören wir allen Ortes etwas von Facharbeitermangel. Tatsächlich werden Facharbeiter gesucht, aber durch die Bank weg häufig in diesen neuen Berufsbildern oder Berufsbildern mit einer Qualifikation, die schon dem neuen Berufsbild entspricht.
Was wir also als Zweites brauchen, ist die Qualifikation in einem neuen Berufsbild, um Menschen, die zwar den Beruf erlernt haben, aber dieses Level der digitalen Arbeitswelt noch nicht erreicht haben, zu fördern. Was hat das für Auswirkungen bei uns? Wir genießen zum Teil, dass wenn wir einen Schaden an unsere Versicherung melden, wir als Versicherungsnehmer, ein Haftpflichtschaden zum Beispiel..., oder wir machen was anderes, ein Hausratsschaden, so ganz einfach. Und wir melden ihn unserer Versicherung, dann ist bis zu einer bestimmten Schadenshöhe..., wird dieser Vorgang überhaupt nicht mehr angeguckt. Wir können digital, wunderbar digital, unseren Schaden melden, können es fotografieren, können das Foto hochladen, können den digitalen Antrag ausfüllen zu Hause im Wohnzimmer, können auf den Knopf drücken und dann ist diese Schadensmeldung weg.
Ich blicke jetzt mal einmal zurück – dreißig Jahre, zwanzig Jahre, zehn Jahre zurück. Da habe ich diesen Schaden in der Geschäftsstelle der Versicherung gemeldet oder meinen Versicherungsvertreter angerufen und der ist abends um neunzehn Uhr zu mir gekommen und hat den Schaden aufgenommen. Das alles spart sich die Versicherungswirtschaft. Es gibt eine sogenannte "Dunkelverarbeitung" von solchen Schäden. Man hat die Schadenssumme hochgesetzt. Bis dahin guckt sich kein Mensch mehr an, diese Schäden, sondern die werden einfach begutachtet, nachdem sie digital eingegeben wurden über den Schadensnehmer und dann wird das freigegeben.
Das ist allemal billiger, als Menschen hinzusetzen, zu prüfen, ob dieser Schaden von sechzig Euro wirklich ersetzt werden muss. Dunkelverarbeitung erarbeitet kein Mensch mehr. Die Maschine liest die Schäden, bearbeitet das selbstständig. Am Ende sind nur noch Stichproben, die genommen werden. Also haben wir hier einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen. Und das Gleiche gilt natürlich auch für den Abschluss von Versicherungen, für den Bereich, wo wir hingehen und sagen, diese Dienstleistung hätte ich gerne. Da klicke ich bei Check24 durch und erlebe eine Vielzahl von Angeboten, kann mir die günstigste oder die für mich passendste raussuchen, schließe den Vertrag ab und man kriegt den digital zugeschickt per E Mail und alles ist gut. Da ist kein Mensch mehr.
Und Gleiches gilt natürlich, wenn wir Reisen buchen. Wenn wir Reisen buchen, machen wir das digital im Internet. Booking.com hat unfassbare Klickzahlen, Check24-Reisen hat unglaubliches Volumen angenommen. Alles das kann man sich anschauen, und die Reisebüros sind selten geworden. Einige buchen über Reisebüros, weil sie sagen: „Aber da kriege ich eine Beratung und hinterher kann ich das Reisebüro haftbar machen, wenn das alles nicht klappt. Das gibt's also durchaus Motivation. Und das ist ein Trend. Viele, die das schnell nutzen, um das billige Angebot mitzunehmen, wollen aber eine intensive persönliche Beratung von Menschen, denen sie vertrauen. Und da kommt ein Wechselspiel, eine Balance wieder hin, dass wir sagen: Ja, auch Reisebüros können zum Beispiel überleben. Auch Versicherungsunternehmen haben Filialen und der ein oder andere Onlinehändler öffnet Filialen mit Menschen, die man anfassen kann. Auch das ist eine Veränderung, aber nur ein kleiner Schwung in Richtung Marketing und Erreichbarkeit. Erreichbarkeit.
Da komme ich jetzt noch einmal auf den Arbeitsort zurück, an dem gearbeitet wird. Auch eine Veränderung, die in den letzten zwei Jahren über die Pandemie richtig rasant auf uns eingewirkt hat. Die gesellschaftliche Veränderung, die mit der Pandemie einherging, hatte damit zu tun, dass wir auf einmal von unseren Arbeitgebern aufgefordert werden wurden: „Kannst du das denn nicht von zu Hause erledigen? Du kannst hier auch den Computer mitnehmen. Manche Firmen haben auch die Bürostühle von links nach rechts gefahren. Einige haben aber ganz provisorisch zu Hause auf dem Sofa gesessen oder am Küchentisch oder am Esstisch und haben dort ihre Arbeit getan. So, das kennt natürlich niemand von euch oder von Ihnen, aber einige haben es erlebt. Und genau so, wünscht sich mancher Arbeitgeber, kann es noch weitergehen.
Auf diese Art und Weise eine einfache Rechnung. Wenn ich jetzt für hundert Prozent der Belegschaft Büroräume zur Verfügung stelle, habe ich bislang nur achtzig Prozent gebraucht, weil zwanzig Prozent der Belegschaft waren eigentlich ständig im Urlaub oder krank. Das ist ein üblicher Satz. Man hätte üblicherweise schon die zwanzig Prozent einsparen können, das war aber nicht das Leitungs- und Führungsmodell des Unternehmens. In den allermeisten Modellen nicht. Also hat die Pandemie etwas befeuert. Mit einem Mal waren zum Beispiel in der Versicherungsbranche achtzig Prozent, achtzig Prozent der Beschäftigten zu Hause, nicht in der Versicherung. Und wenn man heute bei einer Versicherung in den großen Zentren in Hamburg einmal anklopft und guckt: Wer ist denn da? Werden Sie feststellen, viele sind gar nicht zurückgekommen. Und die Arbeitgeber haben überhaupt kein Interesse daran, weil man nämlich gemerkt hat, wenn die Arbeitnehmer das denn so gerne machen, dann wollen wir ihnen doch den Wunsch erfüllen. Dann können sie das gerne von zu Hause aus tun, denn in den zwei Jahren haben wir gelernt, wie Führen aus der Ferne funktioniert.
Es reicht völlig, wenn wir Desk-Sharing-Arbeitsplätze anbieten und die Teams für einen Tag oder zwei Tage zurückholen, um mit ihnen dann zu besprechen, wie sie denn arbeiten sollen. Vielleicht aber auch nur einen Tag in zwei Wochen. Die Begehrlichkeiten der Wirtschaft sind sehr groß geworden, denn es ist ein riesiges Sparmodell. Wenn man jetzt mit den Unternehmen spricht, mit großen Unternehmen, die rein über Bürotätigkeiten arbeiten, dann stellt man fest, dass sie vorhaben, bis zu fünfzig Prozent ihrer Büroflächen abzumieten, die restlichen fünfzig Prozent in Desk-Sharing- und Teambüros umzuwandeln und dann sozusagen mit denen, die unbedingt im Büro arbeiten wollen, zu reden, wie sie sich das denn zukünftig vorstellen. Wenn Sie in die Stellenanzeigen schauen, stellen Sie fest, dass es vermehrt Stellenanzeigen gibt, in denen eine attraktive Stelle angeboten wird, aber vorausgesetzt wird, dass sie das von zu Hause erledigen. Das ist Teil des Deals. Schöne neue Welt.
Der Betriebsbegriff, den wir klassisch kennen, ändert sich aber massiv damit. Das heißt, wir als Gewerkschaft sagen, wir gehen eigentlich in den Betrieb und wollen dort in dem Betrieb unsere Leute treffen. Das funktioniert so nicht mehr. Und wir haben festgestellt, das Ganze, die Leute, erreichen wir nicht so schnell. Versicherungsunternehmen, die sind alle im Homeoffice. Es geht nur noch auf digitalem Weg. Wir erleben, dass das Auswirkungen hat auf die Infrastruktur. Infrastruktur rund um die Betriebe, in denen bislang tausende von Menschen vielleicht gearbeitet haben oder hunderte, die auf einmal nicht mehr da sind. Die Kantinen haben zugemacht, die kleinen Lebensmittelläden ringsherum haben zugemacht, die Imbissstuben machen zu. Wir sehen, dass die Energieverteilung für die Energieversorger sich verändert hat, denn die Leute brauchen Energie jetzt in ihren Wohnungen und die muss anders geroutet werden, da muss anders vorgesorgt werden. Die soziale Anbindung der Menschen lässt nach. Wenn man zu Hause sitzt, hat man eben nicht den Kaffeeplausch, man hat nicht den Austausch, man kann sich nicht mal eben mit dem Nachbarn unterhalten oder seine Sorgen austauschen. Das Ganze kann maximal jetzt digital funktionieren. Verkehrsströme verändern sich regelrecht. Das kann man sehen. Wer bislang immer im Stau stand, steht jetzt etwas weniger im Stau seit der Pandemie, weil viele eben nicht mehr in die Stadt fahren. Es gibt also erhebliche Auswirkungen allein durch dieses Thema Homeoffice und das wird fortgesetzt.
Ich will mal ein positives Beispiel nennen, sozusagen als Abschluss. Das soll ja nicht nur furchtbar klingen für Arbeitnehmer. Ich will mal aus dem Krankenhausbereich, den habe ich gerade schon mal erwähnt, ein Beispiel nennen: Es gibt in den Krankenhäusern, bei Asklepios, aber auch beim UKE, mittlerweile digitale Apotheken. Das heißt, so ein Krankenhaus hat ja eine eigene Apotheke im Keller und da wird die Medikation für jeden Patienten zusammengestellt. Das, was der Arzt verschreibt, drei Tabletten hiervon, eine davon, morgens, mittags, abends und Ähnliches, das wird da zusammengestellt. Die Fehlerquote ist natürlich nicht zu unterschätzen, wenn man das falsche Präparat für Patienten zusammenstellt oder nicht die richtige Anzahl oder am richtigen Tageszeitpunkt. Die digitale Apotheke nimmt das Medikament, so wie es der Arzt verordnet, wenn es einmal eingegeben ist in ein Tablet, das der Arzt bei der Visite dabeihat, nimmt es – und ohne Fehler in der Medikation baut es diese einzelnen Medikamente zusammen. Das heißt, die Fehler, die dadurch passiert sind, sind auf ein Minimum zurückgegangen gegenüber Menschen, die natürlich Fehler machen, die das vorher sortiert haben. Also eine drastische Senkung des Risikos falscher Medikation.
Was fordern wir oder wo sehen wir denn Handlungsbedarf? Einen Handlungsbedarf habe ich gerade schon genannt. Wenn wir über eine Transformation der Arbeit sprechen, müssen wir die Beschäftigten mit einer Zukunftsperspektive mitnehmen und in einer Geschwindigkeit, die sie auch mitnimmt bei der Digitalisierung. Wir brauchen Qualifizierung schon zu einem Zeitpunkt der Veränderung. Er muss obligatorisch sein für Unternehmen, darf nicht selbst finanziert von den Arbeitnehmern sein, denn die Unternehmen profitieren anschließend wieder davon.
Das Angebot muss mit der Veränderung der Berufsbilder nähergehen. Das heißt, das, was immer nur als lebenslanges Lernen für Arbeitnehmer benannt wurde, muss auch tatsächlich gelebt werden. Und das wird es häufig leider nicht. Die Entledigung von Personalkosten und eine gleichzeitige Steigerung der Produktivität darf nicht den Sozialstaat gefährden, wenn Maschinen und Computer die Arbeit tun. Da braucht es einen vernünftigen Schlüssel, um Sozialsysteme zu fördern. Im Zweifel ist das, was sie bislang kennen, nämlich gemessen an der Anzahl der Arbeitnehmer und ihrem Verdienst, nicht der richtige Schlüssel. Da muss der Sozialstaat überlegen, welche neuen Formen sind denn dort angebracht?
Und das Letzte: Wenn wir Arbeitsorte uns ansehen, müssen wir für die Zukunft beachten, dass Arbeitsorte Arbeitsorte sind. Wohnorte sind Erholungsorte, sind geschützte Räume und sind in aller Regel eben nicht ausgelegt als Arbeitsort. Wenn jeder Single sich jetzt auf eine Dreizimmerwohnung stürzt oder man immer ein Zimmer mehr braucht, werden entweder die Zimmer kleiner, weil man ein Arbeitszimmer braucht, oder der Markt für Familien wird einfach heißer umkämpft. Psychisch und physisch sind die Folgen bei der Veränderung von Arbeitsorten also zu minimieren.
Ja, damit habe ich Ihnen einen kleinen Überblick gegeben über das, was ich sehe, was sich verändert und was wir beobachten können hier in Hamburg, an zwei kleinen Beispielen, zwei kleinen Ausschnitten, aber ich glaube, maßgeblich. Das wirkt sich aus auf eine hohe Prozentzahl an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und möglicherweise auch auf Sie. Damit bin ich erst mal mit dem Vortrag zu Ende. Etwas länger, als ich angekündigt habe, aber ich hoffe, nicht so langweilig, wie es für den einen oder anderen vielleicht zu befürchten war.