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Transkript Berufsstolz in der Pflege

(Marina Schnabel) Liebe Studierende, mein Name ist Marina Schnabel und ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Berufspädagogik-Studiengängen an der Hamburger Fern-Hochschule. Ich habe eine besondere Leidenschaft für Podcasts und bin immer sehr gespannt auf meine Interviewpartner*innen. Heute freue ich mich ganz besonders auf den Podcast, denn heute habe ich drei besondere Gäste, nämlich drei ihrer Kommiliton*innen Laura Kilic, Ingo Bongard und Christoph Martens. Herzlich willkommen und schön, dass Sie dabei sind. Diese drei haben sich ganz spontan bei mir gemeldet, weil ihnen das heutige Thema sehr am Herzen liegt. Heute geht es nämlich um den Berufsstolz. In meinem früheren Leben als Akademieleitung und Direktorin von zwei großen Bildungseinrichtungen im Großraum Stuttgart habe ich meinen Auszubildenden bei der Examensfeier häufig das Motto und den Wunsch „Proud to be a nurse“ mit auf den Weg gegeben. Als ein zentrales Ausbildungsziel lag mir immer als verantwortliche Schulleitung am Herzen, dass unsere Auszubildenden ein professionelles Selbstbewusstsein entwickeln und stolz sind auf ihren Beruf und selbstbewusst den Beitrag der professionellen Pflege am Versorgungsprozess der Patient*innen und Klient*innen im interprofessionellen Team vertreten. Deshalb liegt mir das heutige Thema, wie Ihnen Frau Kilic, Herr Bongard und Herrn Martens auch sehr am Herzen. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen und darf Sie bitten, sich selbst zum Beginn unseres Gesprächs kurz vorstellen. Ich schlage vor, wir starten mit der weiblichen Person mit Frau Kilic. Danke für Ihre Vorstellung.

(Laura Kilic) Ja, vielen Dank. Ich bin die Laura Kilic, bin 35 Jahre alt und Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin ursprünglich, bin aber jetzt mittlerweile seit fünf Jahren an einer Pflegeschule, wo ich als Pflegepädagogin tätig bin und absolviere zurzeit meinen Master an der HFH.

(Marina Schnabel) Dankeschön, Frau Kilic. Dann gerne, Herr Bongard, macht weiter in der Vorstellung.

(Ingo Bongard) Ja, lieben Dank. Ich bin Ingo Bongard. Ich habe viele Jahre in der Intensivpflege und Anästhesie-Pflege gearbeitet und war auch mehrere Jahre in der Stationsleitung tätig. Aktuell studiere ich Berufspädagogik und arbeite als Lehrkraft in der Pflegeausbildung sowie in der ATA- und OTA-Ausbildung und Berufsstolz begleitet mich somit sowohl in der Praxis als auch mit der pädagogischen Perspektive.

(Marina Schnabel) Dankeschön, Herr Bongard. Herr Martens?

(Christoph Martens) Ja, Hallo, Mein Name ist Christoph Martens. Ich bin 41 Jahre alt. Man hört es, dass ich ursprünglich aus Österreich komme. Ich habe dort auch meine Pflegeausbildung gemacht. Als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger vor über zwanzig Jahren bin ich über Umwege in Neuseeland gelandet und habe dort in der Pflege gearbeitet und bin jetzt seit drei Jahren in Hamburg an der Pflegeschule tätig.

(Marina Schnabel) Ja, Dankeschön. Frau Kilic, Herr Bongard, Herr Martens. Da haben wir eine breite Palette an beruflicher Erfahrung, pädagogischer Erfahrung in der Pflegeausbildung und einen hohen Bezug zum Thema Berufsstolz. Mich würde eingangs interessieren und unsere Zuhörenden vielleicht auch: Was ist eigentlich Berufsstolz? Wie würden Sie denn den Begriff erläutern? Also zum Beispiel jemandem, der gar nicht aus der Pflege kommt und der mal das Wort gehört hat in der Werbung für die Ausbildung oder so? Was verstehen Sie denn unter Berufsstolz? Was ist Ihnen da wichtig? Was verstehen Sie unter Berufsstolz? Herr Bongard, möchten Sie gern starten damit und uns Ihre Gedanken zu Berufsstolz sagen?

(Ingo Bongard) Ja gerne. Also was verbinde ich mit Berufsstolz? Berufsstolz ist für mich eine innere Haltung, die handlungsfähig macht. Also ich verbinde Berufsstolz nicht mit sich besser fühlen, sondern für mich ist das ein professionelles Selbstverständnis. Das eigene Wissen um die eigene Kompetenz, die eigenen Fähigkeiten, die ich besitze, aber auch die Verantwortung, die ich habe in dem Beruf sowie aber auch die gesellschaftliche Relevanz.

(Marina Schnabel) Ja, Dankeschön für diesen Einstieg in das Thema Berufsstolz, in die Begrifflichkeit. Herr Martens, würden Sie da gerne noch was ergänzen? Können Sie da anschließen, was Herr Bongard gesagt hat?

(Christoph Martens) Also ich kann das total unterstützen, was Herr Bongard auch gesagt hat. Ich finde Berufsstolz ist auch die Motivation und diese Passion für den eigenen Beruf, also die Motivation, morgens aufzustehen und diesen Job jeden Tag zu machen. Ich finde, Berufsstolz bringt die Leidenschaft mit. Bringt dieses, das Besondere mit in die Arbeit, statt dass man jeden Tag einfach nur sein Geld verdient. Glaube ich. Mit Berufsstolz hat das auch mit einer Leidenschaft zu tun, die einen weiterbringt und die man auch weitergeben will, die dann auf andere abfärbt.

(Marina Schnabel) Danke für diesen Impuls, Berufsstolz mit Leidenschaft zu verbinden. Frau Kilic, was würden Sie denn noch ergänzen? Stimmen Sie den Herren zu? Welche Bedeutung hat vielleicht die Leidenschaft für Sie? Oder gibt es ein anderer Begriff? Der, der noch mal mehr noch weiter ausführt, was Berufsstolz ist?

(Laura Kilic) Also in erster Linie stimme ich da komplett zu. Also gerade dieses Thema Haltung und Leidenschaft gehört dazu. Für mich, was halt auch noch dazu gehört, ist auch für mich zumindest die Bereitschaft nach außen hin meinen Beruf zu vertreten. Also hier spielt auch ganz schnell die Berufspolitik mit. Ich unterrichte auch tatsächlich wie immer in Zusammenhang Berufsstolz und Berufspolitik, weil ich glaube auch, dass wenn man diese Leidenschaft hat und wirklich quasi geradestehen möchte für den Beruf, dann ist man auch bereit, rauszugehen und sich zu organisieren und zu sagen: Ich möchte was verändern. Also auch da sehe ich einen großen Zusammenhang zwischen.

(Marina Schnabel) Ja, Dankeschön für diese ersten theoretischen Impulse oder theoretischen Verständnis, was unter Berufsstolz zu verstehen ist. Ich erinnere mich daran, dass mich in meiner Praxis, als ich noch in den Kliniken in der Bildung tätig war, ja zum Beispiel in Vorstellungsrunden, bei Fortbildungen oder in sonstigen Kontexten häufig geärgert hat, wenn jemand ,oder sehr bewegt hat, wenn jemand gesagt hat „na ja, ich bin halt nur Krankenschwester oder nur Pflegekraft“ oder „ich komme nur aus der Pflege. Ich bin keine Ärztin“ oder so und das fand ich immer sehr, sehr schade und sehr traurig. Und das Thema Berufsstolz oder professionelles Selbstverständnis hat mich, wie ich ja schon eingangs erläutert habe, immer sehr beschäftigt. Wie vermitteln wir das den Auszubildenden? Mich würde interessieren, warum beschäftigt Sie persönlich dieses Thema? Gibt es da irgendwie ein Schlüsselerlebnis, eine besondere Erfahrung, die Sie gemacht haben? Und hat sich dann das Thema durch Ihr Studium an der HFH verändert? Ihre Einstellung dazu ist das Thema bedeutsamer geworden. Das wäre jetzt so die erste, die nächste Frage, die ich an Sie habe. Vielleicht starten wir mit Herrn Martens.

(Christoph Martens) Also Berufsstolz. Für mich persönlich hat eine große Bedeutung. Ich war sieben Jahre in Österreich in der Pflege tätig und wollte dann aus dem Beruf aussteigen, weil ich so ein bisschen das Gefühl hatte, ich stehe nicht so stark dahinter mehr. Und diese Kluft zwischen einer Professionalisierung des Berufsfeldes und diesem „Ich bin eine Pflegekraft“, war ja stark. Für mich auch. Und ich wollte dann was anderes machen. Und interessanterweise hatte ich so einen Schlüsselmoment als ich dann nach Neuseeland ausgewandert bin, wo ja Pflege eine deutlich stärkere Kompetenz und auch eine Stellung in der Gesellschaft hat, wo ich dann diese Motivation und Passion wieder bekommen habe und mir gedacht habe „Ach toll, Pflege ist wirklich großartig. Pflege ist was Besonderes. Pflege bringt einen besonderen Aspekt auch in die gesundheitliche Arbeitswelt“. Und dadurch bin ich dann wieder zurück in die Pflege gekommen. Genau.

(Marina Schnabel) Ja, das erinnert mich... Danke an Ihre Schilderungen von Australien. Das erinnert mich an meine Zeit in Schweden. Vor über 15 Jahren habe ich über die Robert Bosch Stiftung einmal an einem Hospitationsprogramm teilgenommen und war vier Wochen in Schweden, in Göteborg und in Stockholm an den Universitäten, die Pflegefachkräfte ausbilden. Wenn man Pflege schon lange studiert und mich hat das sehr beeindruckt, welche professionelle Haltung und welches Selbstbewusstsein die Pflegefachkräfte im interprofessionellen Team hatten. Und das hat mich auch sehr, sehr motiviert, da noch mal ein besonderes Augenmerk in den Ausbildungen, die ich zu verantworten hatte, mitzugestalten hatte, zu legen. Gab es bei Ihnen da so ein besonderes Schlüsselerlebnis, Frau Kilic?

(Laura Kilic) Also nicht unbedingt ein Erlebnis, aber so Erfahrungen, die ich gesammelt habe, würde ich sagen. Das fing auch schon in der Ausbildung an. Ich habe ziemlich markante Erinnerungen an so Situationen, wo es eine deutliche Überbelastung einfach auf Station gab. Also da war mein Einsatz auf der Dermatologie. Alles geplante Aufnahmen, die durften zwölf Aufnahmen pro Tag planen, aber dann kam der Arzt zur Visite und es wurden nur sechs entlassen und dann ist die Pflege da rumgerannt wie noch was und irgendwie diese zwölf Aufnahmen aufzunehmen und alles wurde immer passend gemacht und das hat mich schon in meiner Ausbildung wahnsinnig gestört. Warum und warum wehrt man sich da nicht gegen? Warum sagt man nicht einfach mal „Nein, das geht jetzt einfach nicht?“ Und da fing ich an, mich nach und nach mit auseinanderzusetzen. Also ich würde sagen, auch dieser Berufsstolz, den ich jetzt empfinde, war so ein schleichender Prozess, der tatsächlich mit der Zeit und der Erfahrung auch kam. Und je mehr ich mich mit dem Beruf auseinandergesetzt habe, in der Ausbildung, auch danach, desto stärker war das auch bei mir, dass ich wirklich sagen konnte „Ja, ich bin mit voller Leidenschaft dabei“.

(Marina Schnabel) Herr Bongard, hatten Sie ähnliche Erfahrungen wie Frau Kilic mit dem schleichenden Zuwachs an Berufsstolz? Ich finde, das haben Sie toll geschildert, Frau Kilic. Mir ging es auch so. Am Anfang habe ich die Thematik auch nicht realisiert. Das kam erst mit der Zeit. Ging es Ihnen ähnlich, Herr Bongard? Oder war das Thema schon immer sehr präsent bei Ihnen?

(Ingo Bongard) Also mir geht es, mir ging es genauso. Da kann ich nur zustimmen. Berufsstolz in der Pflege ist etwas, das ist nicht einfach da. Das ist ein Aspekt, der muss wachsen, der muss gereift werden. Und das ist vor allem, wie ich jetzt im Studium auch merke, auch ein Themenfeld der Berufspädagogik. Ja, das ist ein Themenfeld der pädagogischen Betreuung, das auch zu fördern und zu entwickeln. Und das, wenn ich zurückblicke über meine Ausbildungszeit oder über meine Tätigkeit in der Pflege, habe ich einfach immer diese große Diskrepanz wahrgenommen zwischen gesellschaftlicher Bedeutung und auch gesellschaftliche Wahrnehmung des Berufs und damit dem Thema Berufsstolz anzusetzen, vor allem ganz früh bei den Auszubildenden finde ich schon sehr wichtig. Ja, um auch dieses Thema Verweildauer in der Pflege anzugehen dabei.

(Marina Schnabel) Das sprechen Sie ja schon gerade ein ganz wichtiges Thema an und bieten mir eine gute Überleitung. Diese Bindung der Auszubildenden nach der Ausbildung im Beruf. Die Verweildauer ist kurz, die Berufsflucht nimmt immer stärker zu. Welche Herausforderungen sehen Sie denn da als Berufspädagog*innen im Feld, also an der Schule? In der Theorie und in der Praxis, in Bezug auf eben diese Entwicklung von Berufsstolz. Was fordert sie da besonders heraus oder was beeinflusst die Entwicklung von Berufsstolz bei den Auszubildenden? Sind es die Vorbilder in der Praxis? Wie wirksam sind die? Wirken die stärker als ihre Vorbildfunktion als Lehrende? Als Beispiel? Das war so ein Gedanke, der mich immer bewegt hat. Wir haben im Unterricht spannende Themen mit den Auszubildenden reflektiert. Ihr professionelles Selbstverständnis und mein Eindruck war immer, sie werden in der Praxis von den Vorbildern sehr stark geprägt. Empfinden Sie das auch als eine Herausforderung? Ja, Ich freue mich auf Ihre Erfahrungen, die Sie gerne mit uns teilen. Herr Martens.

(Christoph Martens) Ich finde, es ist eine große Herausforderung, diesen Berufsstolz gerade den Auszubildenden zu vermitteln. Es ist leider nun mal so, dass gerade im Kontext Schule Praxis da oft die Erwartungshaltungen auseinandergehen und auch die Ansätze auseinandergehen. Und ich glaube, gerade im praktischen Setting, wenn man ein*e Praxisanleiter*in hat, die total motiviert ist, hinter dem Beruf steht und man dadurch auch Möglichkeiten hat, über den Tellerrand zu blicken, was so den Stationsalltag betrifft, dass das sehr stark prägen kann, auch für Auszubildende und genauso bei einer Lehrkraft. Also wenn die Lehrkraft diesen Berufsstolz mit in den Unterricht nimmt, das als Thema macht, auch dort über den Tellerrand blicken lässt, was Pflege alles sein kann, außer jetzt am Bett zu waschen, was ja oft das Thema ist, finde ich, dass das den Berufsstolz schon im schulischen Setting sehr stark stärkt.

(Marina Schnabel) Dankeschön. Was würden Sie sagen? Frau Kilic? Ist es prägender, was die Lehrkraft in der Theorie vermittelt und auch wirklich gut fundiert und begründet. Oder ist es prägender, was die Auszubildenden in der Praxis erleben an beruflichem Selbstverständnis? Welche Erfahrungen haben sie gemacht?

(Laura Kilic) Also beides spielt definitiv eine Rolle. In der Schule sehe ich eher so das Thema, dass viele unterschiedliche Lehrkräfte im Unterricht sind. Ja, die haben eine Kursleitung, also eine konstante Person. Aber die haben nicht so tagtäglich mit diesen Lehrkräften oder mit einer Lehrkraft Berührung. In der Praxis dagegen haben sie so eine Bezugsperson, meistens also eine Praxisanleitung. Gerade in den kleineren Häusern, also meiner Schule, wird viel zum Beispiel in der Langzeitpflege ausgebildet. Da sind meistens ein bis zwei Praxisanleiter mit denen ich über die ganzen drei Jahre zu tun habe. Und das spielt eine sehr große Rolle. Plus auch die Kollegen, also nicht nur die Praxisanleiter, sondern wie sind die Pflegekräfte da? Wie leben sie den Beruf? Wie wird mit Belastung umgegangen? Es gibt einfach ganz viele Belastungen in unserem Beruf. Das können wir nicht schönreden. Die Rahmenbedingungen sind teilweise sehr schlecht. Und wie wird damit umgegangen, Wie wird darüber gesprochen in der Praxis? Und das macht sehr viel mit den Auszubildenden. Und das ist sehr schwer, finde ich. Wenn die aus der Praxis zurückkommen und dann anfangen zu erzählen. Ja, das wurde denen gesagt und das wurde denen gesagt und das haben sie gesehen. Ich muss ja quasi dagegen arbeiten, dann dauernd und das ist, wo ich befürchte, dass es immer wieder so ein bisschen daran scheitert. Manche kriegt man, aber halt nicht alle, leider dann in diesem Prozess.

(Marina Schnabel) Herr Bongard, haben Sie ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen gemacht wie Frau Kilic, dass es gar nicht so einfach ist das vielleicht wieder zu korrigieren, was die Auszubildenden in der Praxis an weniger positiven Erlebnissen haben? Oder es gut ist, einfach das zu bestärken, was sie an positiven Erfahrungen haben? Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen.

(Ingo Bongard) Ja. Also. Was ich erlebe, ist definitiv, dass die Auszubildenden ganz früh Zeitdruck erleben. Die erleben Personalmangel, die erleben widersprüchliche Rollenvorbilder und Berufsstolz. Eine pädagogische Aufgabe in dem Sinne ist für mich tatsächlich dieses Reflektieren statt Beschönigen, dieses die Kompetenz benennen, die Sie auch schon in frühen Ausbildungsjahren haben und auch so eine Entwicklung überhaupt zu ermöglichen. Also ist sie auch unsere Auszubildenden definitiv im Spannungsfeld zwischen schulischen Idealen und der Praxisrealität. Vor allem diese aktuelle Generation an Auszubildenden, die erwarten ja Beteiligung, die erwarten eine Herangehensweise auf Augenhöhe. Und das berichten viele, dass es aktuell nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen.

(Marina Schnabel) Dankeschön. Sie haben alle drei Berichte, dass Sie in Ihren theoretischen Unterrichten oder eben in der Ausbildung wahrscheinlich auch in der Praxis in die Praxisbegleitung gehen. Das Thema Berufsstolz, dass das immer mitläuft oder dass das für Sie ein wichtiges Thema ist? Was ist Ihnen denn ganz persönlich wichtig, wenn Sie mit Ihren Auszubildenden deren professionelles Selbstverständnis, Ihre Haltung zum Berufsstolz reflektieren? Ja, Herr Bongard, vielleicht wollen Sie gerade auch da noch mal ansetzen, weil Sie ja jetzt schon gesagt haben, dass diese Kommunikation auf Augenhöhe, das ist, auf was Sie so besonderen Fokus legen oder was Ihnen besonders wichtig ist?

(Ingo Bongard) Also ja, Augenhöhe ist der eine Part, der mir besonders wichtig ist. Aber mir ist vor allem wichtig, dass Berufsstolz realistisch und ehrlich vermittelt wird. Also man muss den Beruf nicht verklären, man muss den Beruf nicht beschönigen. Ja, also die Auszubildenden sollen stolz sein auf die Kompetenz und auch auf diese Professionalität, die sie mit der generalistischen Pflegeausbildung generieren können. Berufsstolz entsteht halt in meinem Sinne dort, wo man halt Lernen ermöglichen kann, wo man reflektieren, ermöglichen kann und wo auch Fehler zulässig sind.

(Marina Schnabel) Was ist Ihnen wichtig? Frau Kilic, schließen Sie an die Ausführungen von Herrn Bongard an: Wo können Sie noch oder welcher Aspekt fließen bei Ihnen noch im Besonderen ein?

(Laura Kilic) Ja, also da kann ich auf jeden Fall anschließen. Ich versuche halt wirklich in jedem Unterricht, egal welches Thema es ist, diesen Berufsstolz auch auszustrahlen. Beziehungsweise meine Leidenschaft auch deutlich zu machen. Ich glaube, gerade dieses Thema Vorbild sein ist auch ganz wichtig. Und da bin ich wieder dabei. Ich koppele das halt immer an Berufspolitik, auch wenn ich weiß, ich kann nicht alle bewegen. Es ist mir wichtig, dass sie das gehört haben. Zumindest das, so, wie gesagt, dieser schleichende Prozess von Berufsstolz entwickelt wird. Vielleicht macht es irgendwann Klick. Und dann denken Sie noch zurück an die Ausbildung „Ach ja, da hat doch Frau Kilic was gesagt und erklärt, Vielleicht kann ich da noch mal reingucken.“ Also irgendwie so diesen Samen quasi pflanzen für später. Wenn es dann sich entwickelt und die dann doch eine Bereitschaft haben, zum Beispiel sich zu organisieren.

(Marina Schnabel) Dankeschön. Das mit dem Samen pflanzen finde ich ein schönes Bild, Herr Martens. Was möchten Sie für Samen säen? In der Ausbildung in Bezug auf Berufsstolz?

(Christoph Martens) Ja, ich fand das auch einen schönen Satz. Ich versuche das auch bei uns in der Schule zu machen. Einfach durch meine persönliche Geschichte. Ich bin ja so ein bisschen bunter Vogel, der einen sehr ungewöhnlichen Pflegehintergrund hat und dadurch Pflege in drei verschiedenen Ländern kennengelernt habe. Und dann merke ich immer, dass die Auszubildenden das spannend finden. Und auch ich mache keinen Hehl daraus, dass ich aus der Pflege aussteigen wollte, weil ich finde, man muss, wie Herr Bongard auch das gesagt hat, sich realistisch mit den Herausforderungen der Pflege auseinandersetzen. Und umso früher man da dadurch ansetzt und diesen Samen schon säht, dass man auch darüber nachdenkt: Wie geht es mir eigentlich? Auf was kann ich fokussieren in der Arbeit? Was ist das Eigentliche, was Pflege so besonders macht? Was ist so das Alleinstellungsmerkmal? Warum habe ich mir gerade Pflege ausgesucht? Das das ist mir persönlich wichtig, dass ich das den Auszubildenden auch stark vermittle.

(Marina Schnabel) Ja, das schließt an, ganz direkt oder leitet gut über zu meiner nächsten Frage: Was ist das Besondere an Pflege? Ich habe eingangs schon gesagt, dass ich unseren Auszubildenden auf den Weg mitgebe: Proud to be a nurse. Seid stolz, dass ihr Pflegefachkräfte seid. Ein anderer englischer Satz, der lag mir auch immer sehr oder liegt mir sehr am Herzen; Florence Nightingale hat mal formuliert Nursing ist eine Art Pflege, ist eine Kunst und Pflege als Kunst zu betrachten, das wollte ich auch immer den Auszubildenden vermitteln. Pflegen kann nicht jeder. Es erfordert Können, Leidenschaft, wie Sie es auch benannt haben, Kompetenz. Es erfordert ganz viele soziale Kompetenzen, eine innere Haltung. Wie gelingt es Ihnen? Oder gelingt es überhaupt, an den Berufsfachschulen für Pflege, diese Haltung zu vermitteln? Pflege ist eine Kunst im aktuellen Kontext des Zeitdrucks, des Personalmangels, der ja sehr heterogenen Teams, die ja auch ganz unterschiedliche Vorstellungen von professioneller Pflege haben. Eigentlich wäre das sogar auch noch mal ein Thema für einen ganz eigenen Podcast. Wie gelingt es, Berufsstolz in heterogenen Teams irgendwie zu generieren, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen? Mich interessiert jetzt aber an dieser Stelle. Hier erst mal die Frage: Gelingt es Ihnen in den Berufsfachschulen diese Haltung zu vermitteln, dass Pflege eine Kunst ist? Herr Martens, ich frage Sie ganz direkt.

(Christoph Martens) Also ich finde, dieses Alleinstellungsmerkmal von Pflege muss deutlich mehr hervorgehoben werden. Man sieht das ja auch im internationalen Kontext, wo Pflege dann schon Nurse Practitioner gibt, Advanced Practice Nurses gibt, die in Deutschland noch sehr stark in ärztlich verankerte Bereiche hineinwandern. Aber Pflege und gerade Nurse-Practionier oder Expert-Nurses sind keine günstigen Mediziner. Sie sind keine günstigen Ärzte, die dasselbe machen, was Ärzte machen. Und ich finde, das ist wichtig hervorzuheben. Pflege hat seine Besonderheit. Wir kommen von einem viel empathischeren Hintergrund, kommunikativeren Hintergrund als viele der Mediziner. Aber wir haben trotzdem die Kompetenz, medizinische Bereiche auszufüllen. Also ich finde das total spannend, was sich in Deutschland noch tun wird, rund um APN, wie die im Gesundheitssystem einfach ihre Besonderheiten ausfüllen können. Und ich glaube, gerade da knüpft es an Pflege als eine Kunst zu sehen. Pflege, wie Sie gesagt haben, kann nicht jeder und Pflege hat wirklich etwas, was ganz viele andere Berufsgruppen, also keine andere Berufsgruppe eigentlich, so abdecken kann.

(Marina Schnabel) Dankeschön für diese spannende Stellungnahme im Vergleich zur internationalen Entwicklung. Herr Bongard, was sagen Sie? Gelingt es in den Schulen, Pflege als Kunst zu vermitteln, die Besonderheit wirklich nachhaltig, ja deutlich zu machen?

(Ingo Bongard) Also, wenn ich über Pflege gesamt nachdenke, ist für mich Pflege komplex. Also ich würde sogar noch weiter gehen und sagen Pflege ist für mich Kunst, Wissenschaft und Handwerk zugleich. Diese Komplexität aus Fachwissen, aus Erfahrung, aus Beziehungsgestaltung, das ist das, was die Auszubildenden lernen sollen. was die vom Innern her einverleiben sollen. Denn Pflege ist nicht Arbeit. Nach Standardpflege ist über den Tellerrand hinausgucken. Pflege ist die Individualität in dem einzelnen Menschen zu sehen.

(Marina Schnabel) Frau Kilic, was würden Sie gern zu den Statements der beiden Herren ergänzen? Was bedeutet es für Sie, Pflege als Kunst zu betrachten und diese Haltung Auszubildenden zu vermitteln?

(Laura Kilic) Ja, also diese Individualität, das ja auch gerade angesprochen wurde von Herrn Bongard, da stimme ich voll zu. Aber gerade den Punkt finde ich häufig sehr schwer. Nicht, weil sie es nicht vermitteln in ihrem Unterricht, sondern weil sie in die Praxis hineingehen und was völlig anderes erleben. Und die lernen da halt quasi nach STANDARD. Ganz viele Sachen z. B. morgens gibt es dann die Waschstraße. So ganz böse gesagt und dahin zu gucken, was braucht so der einzelne Bewohner/Patient den ich vor mir habe und das zu differenzieren, dass man nicht in einer Pflegeplanung einfach bei Sturzprophylaxe immer die gleichen Maßnahmen hinschreiben kann. Das fehlt ganz häufig und da sehe ich halt auch dieses zu kurz kommen in der Praxis von diesem Thema, was wieder schwer ist in der Schule komplett aufzufangen und das zu verändern, also die anderen Haltungen zu vermitteln als das, was die in der Praxis erleben.

(Marina Schnabel) Ja dieses an einem Strang ziehen, das Sie beschreiben von Theorie und Praxis bei der Entwicklung des professionellen Selbstverständnisses, also bei der Förderung des professionellen Selbstverständnisses von Auszubildenden. Das ist, glaube ich, wirklich auch ein wesentlicher Faktor. Jetzt haben Sie berichtet von Ihrer eigenen Haltung und der Bedeutung, die Sie dem Thema Berufsstolz zuweisen, als Berufspädagoginnen. Mich würde jetzt noch interessieren, ist denn das Thema Berufsstolz professionelles Selbstverständnis auch ein Thema, mit dem Sie in Ihren Schulteams oder bei der Kommunikation mit Praxisanleitenden, wo Sie ja darum ringen, ein gemeinsames Verständnis hinzubekommen, eine gemeinsame Haltung? Ist es überhaupt ein Thema oder ist man da eher als Berufspädagogik Berufspädagogin so ein Einzelkämpfer. Ist es ein Thema in Ihren Teams? Würde mich sehr interessieren. Herr Bongard, wie ist es bei Ihnen?

(Ingo Bongard) Also ich erlebe immer wieder von meinen persönlichen Erfahrungen oder auch von den Berichterstattungen von Auszubildenden, dass viele Praxisanleitende oder viele Kolleginnen auf Station noch oft die alte Vorstellung von Ausbildung haben, dass sie sich noch nicht so wirklich mit der generalistischen Ausbildung befasst haben, mit den Inhalten befasst haben. Und ich glaube, vielen ist einfach nicht bewusst, dass auch die Praxis zentrale Vorbilder stellt, dass die Auszubildenden auch sehr viel von der Praxis mitnehmen und einen Berufsstolz aufbauen können oder nicht aufbauen können. Und immer, wenn die Auszubildenden viel Kritik konfrontiert werden in der Ausbildung, die angeblich falsch läuft oder die anders läuft, das nimmt die Auszubildenden schon sehr mit. Und das wird so viel diskutiert bei uns in den Kursen und das wird auch schon mal im Schulteam diskutiert. Wobei ich sagen muss, dass das Thema Berufsstolz an sich dieses: Wie kann man das jetzt ausprägen, Wie können wir das vielleicht curricular verankern bei uns? Das kommt noch ein bisschen zu kurz im Schulteam, das müsste man dort auf jeden Fall noch mal auffassen da drin.

(Marina Schnabel) Frau Kilic, wie ist es bei Ihnen. Ist es ein Thema in Ihrem Schulteam. Das Thema Berufsstolz vermitteln in jedem Unterricht. Sie haben das fein geschildert. Bei jedem Thema spielt es rein. Ist es so oder ist es nur in einer curricularen Einheit? Professionelles Selbstverständnis fördern. Ein großes Thema und damit ist es abgeschlossen. Wie sieht es bei Ihnen aus?

(Laura Kilic) Also das Thema, so Praxisanleiter, was gerade angesprochen wurde, dass es definitiv so ein Thema auch so dass fehlende Vorbilder in der Praxis wird immer wieder auch im Team so ein bisschen diskutiert. Aber die Rolle der Schule an sich in dem Rahmen wird wenig angesprochen. Also ich habe gerade die Schule gewechselt, zum Beispiel. Ich habe beim neuen Arbeitgeber angefangen und musste fast erschrocken feststellen, dass das Curriculum in der Schule Berufsstolz/Berufspolitik nicht fest verankert hat, weil es quasi vergessen wurde. Und ich stehe da und denke mir: Wie kann man so ein Thema vergessen? Es ist irgendwie so selbstverständlich. Also, ich habe das Gefühl, die meisten Lehrkräfte würden von sich auch sagen, dass sie stolz sind auf den Beruf, sonst wären sie ja nicht in der Pädagogik. So nach dem Motto, aber dass die es auch vermitteln müssen und dass die Auszubildende das nicht mitbringen von sich aus. Dieses Verständnis oder auch diese Einsicht, lass uns mal sagen, fehlt noch an der einen oder anderen Stelle.

(Marina Schnabel) Herr Martens, haben Sie ähnliche Beobachtungen gemacht? Und vielleicht können Sie auch hier an der Stelle noch mal Ihre Erfahrungen aus dem Ausland einfließen lassen, wie das da ist.

(Christoph Martens) Also ich glaube, es ist ein Thema, das deutlich zu wenig Raum bekommt, sowohl im schulischen Kontext als auch in der Praxis. Wir sind, glaube ich, auch eine Berufsgruppe, die sehr kritisch mit uns selbst umgeht. Wir suchen immer Fehler und machen uns kleiner, als wir eigentlich sind und eigentlich notwendig wäre. Und ich glaube, da kommt auch wieder der Zeitfaktor bzw. die hohen Anforderungen unseres Berufes dazu. Wenn ich keine Zeit für die Patienten habe, dann habe ich auch keine Zeit, mich stark mit dem Thema Berufsstolz mehr auseinanderzusetzen. Und das zermürbt. Ich habe es ganz anders erlebt. In Neuseeland ist Pflege immer noch die wertgeschätzteste Berufsgruppe im Land und das seit Jahren. Und man merkt das auch, dass ist ein richtiger Stolz, eine Pflegeperson zu sein. So ein richtiger Stolz, dieser Berufsgruppe anzugehören. Und das ist nicht nur im Berufswesen so, das ist auch im Privaten so, also man ist richtig stolz darüber zu erzählen, dass man eine Pflegeperson ist. Und ich glaube, gerade in Deutschland, wo wir sehr kritisch oft sind, wird uns das als Berufsgruppe nicht schaden, dass wir ein bisschen stolz sind auf das, was wir können, auf das, was wir sind, auf die Menge, die wir sind. Wir sind ja auch eine sehr große Berufsgruppe und ich glaube, wenn wir uns klein machen, dann färbt das natürlich auch auf die Auszubildenden und alle, die danach kommen oder alle, die den Beruf machen wollen, auf die färbt das natürlich ab.

(Marina Schnabel) Danke für diese Ausführungen. Ich kann mich dem sehr gut anschließen. Mir ist das auch so bewusst geworden, als ich in Schweden damals war. Mit welchem großen Selbstbewusstsein die professionell Pflegenden aufgetreten sind. Mir wurde damals gesagt und da würde ich jetzt eine Frage einschieben, bevor wir dann zum Schluss kommen, dass das professionelle Selbstbewusstsein der Pflegenden in Schweden enormen Zuwachs bekommen hat als die Pflegeausbildung von einer schulischen Berufsausbildung auf eine Art akademisches Studium umgestellt wurde. Und meine Frage jetzt, die ich eben dazwischenschiebe, wäre noch an Sie: Was versprechen Sie sich von der Akademisierung in der Pflege in Bezug auf das professionelle Selbstverständnis? Haben Sie da Erwartungen? Hoffnungen? Ja. Welche Zukunftsaussichten haben Sie da in Bezug auf den Berufsstolz? Herr Bongard, würden Sie gern.

(Ingo Bongard) Also von einer zunehmenden Professionalisierung und von zunehmenden Pflegekräften, die mit einem akademischen Abschluss vor allem am Bett stehen, erhoffe ich mir, dass die Pflegeteams noch heterogener werden, dass sie noch wissenschaftlicher arbeiten werden, dass sie noch mehr dieses evidence based nursing vorantreiben, dieses Hinterfragen nach Standards, dieses Optimieren. Davon verspreche ich mir schon sehr viel. Mir ist klar, dass nicht jeder Auszubildende die Voraussetzungen dafür mitbringt. Das muss auch nicht sein, aber ich finde, in ein Pflegeteam in Pflegeteams gehören auch Bachelorabsolventen. Es gehören auch Masterabsolventen mit entsprechenden Richtungen, die spezialisiert in den Fachbereich, die pflegerische Versorgung der Patienten qualitativ definitiv erhöhen würden. Also davon verspreche ich mir sehr viel. Ich hoffe, dass viele Pflege Azubis den Weg wählen, nach der Ausbildung noch einen Bachelor- und Masterstudiengang anzugehen.

(Marina Schnabel) Danke für dieses Statement, Herr Martens. Was sagen Sie? Ist die Akademisierung ein Zauberwort in Bezug auf die Entwicklung des Berufsstolzes, des professionellen Selbstverständnisses von Pflegefachkräften?

(Christoph Martens) Also ich bin ein großer Verfechter von der Akademisierung der Pflege. In Österreich läuft es ja schon seit ein paar Jahren. Ich verstehe aber auch die Kritik daran, dass im aktuellen System ein Bachelorabsolvent am Bett manchmal fehl am Platz erscheint. Ich glaube aber, dass durch die Akademisierung auch ein stärkerer Wandel in den Aufgaben und den Kompetenzen in der Pflege kommen wird. Und das hat man in anderen Ländern ja auch gesehen. Es ist auch spannend, wenn wir dann mehr ausländische Auszubildende haben und ich in der Schule manchmal frage: Wie ist denn die Ausbildung so geregelt in ihren Ländern? Und dann viele Länder, die sehr überraschend sind, dann plötzlich akademische Pflegekräfte, Pflegepersonal schon haben und in Deutschland dann eine dreijährige Ausbildung absitzen müssen. Ich finde den Kontrast manchmal sehr spannend. Auch weil Deutschland schon ein sehr innovatives Land im internationalen Kontext ist. Und ich glaube auch die Pflege könnte ein bisschen davon vertragen.

(Marina Schnabel) Ja, da sprechen Sie wirklich eine spannende Situation an, das habe ich auch schon beobachtet. Wenn wir dann eben Bachelorabsolventen in der normalen Pflegeausbildung in Deutschland haben. Wie gesagt, dieses Thema wäre sicher auch nochmal einen eigenen Podcast wert. Frau Kilic, was versprechen Sie sich von der Akademisierung in Bezug auf den Berufsstolz?

(Laura Kilic) Also durch die Akademisierung und Professionalisierung erhoffe ich mir so auch eine andere gesellschaftliche Anerkennung, weil das spielt auch viel in den Berufsstolz ein. Ich glaube wirklich, dass dieses Gefühl von „die Gesellschaft hält nicht viel von der Pflege“, das auch noch mal schwierig macht Berufsstolz zu entwickeln. Aber besser gesagt eine notwendige Voraussetzung ist natürlich auch so das Thema Kompetenzzuweisung. Also es wurde ja schon ein paar Mal angesprochen, diese Anerkennung von was wir tatsächlich können und dass wir den Raum kriegen, das auch zu tun. Ein kleiner Schritt ist ja schon in diese Richtung getan. Das Pflegekompetenzgesetz kommt ja jetzt mit der Hoffnung, dass gerade auch diese Pflegekräfte mit dem Master, also hier Advanced Practice nursing, ist darin ein Thema unter anderem gestärkt werden. Aber da muss sich halt noch ganz viel tun, bis wir auch im internationalen Vergleich diesen gleichen Stand auch schaffen.

(Marina Schnabel) Ja, das bindet jetzt auch wieder an meine letzte Frage, eigentlich an den Fragenkomplex. Ja, die Entwicklung des Berufsstolz beginnt in jedem selbst, in jeder Pflegefachperson. Die ist aber natürlich oder wird geprägt von außen, von der Berufspolitik, von den Berufsverbänden, von der Gesellschaft und von natürlich dem interprofessionellen Kontext, den anderen Gesundheitsfachberufen. Also das eine ist, dass ich in mir diesen Stolz haben muss, aber ich werde natürlich auch beeinflusst von außen. Was erwarten Sie sich denn von der Gesellschaft, von der Berufspolitik, von den anderen Gesundheitsfachberufen und Ärzten? Herr Bongard?

(Ingo Bongard) Ja, also von der Berufspolitik muss ich ganz klar sagen erwarte ich dort verlässliche Rahmenbedingungen, die Berufsstolz überhaupt möglich machen. Also wo junge Menschen überhaupt sagen können „Ja, ich bin stolz darauf, diesen Beruf zu erlernen.“ Und ich bin stolz darauf, das Examen in diesem Beruf auch erreicht zu haben von der Gesellschaft. Da kann ich mich nur bei der Frau Kilic anschließen. Ich erwarte tatsächlich Anerkennung der Professionalität. Ich erwarte nicht nur Dankbarkeit. Ich bin froh für Dankbarkeit für unseren Beruf. Aber ich wäre froh. Pflege würde auch als Profession anerkannt werden. Denn Pflege ist eine Profession und Pflege ist eine Kunst, wie wir eben gesagt haben und von den Berufsangehörigen oder von den auszubildenden Berufsangehörigen werden wollen. Da erwarte ich ein bisschen Selbstbewusstsein zum Beruf. Ich erwarte, dass sie reflektiert mit ihrem Beruf umgehen. Ich erwarte, dass sie kritisch ihren Beruf oder ihre Tätigkeiten immer hinterfragen. Aber ich erwarte, dass ein gewisser Stolz auch transportiert wird damit.

(Marina Schnabel) Herr Martens, was erwarten Sie von den externen Protagonisten, die unser Berufsfeld und die Ausgestaltung unseres Berufsbildes beeinflussen?

(Christoph Martens) Ich erwarte mir deutlich mehr Rückhalt, als im Moment ist. Ich finde gerade das Pflegeberufs-Angehörige, die können deutlich stolz auf das sein, was sie sind. Unser Berufsfeld ist sehr groß und ich glaube, dass wir eine bessere Stimme haben sollten und deutlich mehr für unsere Rechte eintreten sollten. Es schadet uns nur, wenn Gewerkschaft, Berufsverband und Politik sich gegeneinander aufschaukeln und über uns sprechen und die Berufsangehörigen dann mittendrin sind und oft auch dann zum Spielball werden. Auch da, also international, finde ich es spannend, dass die meisten Registrierungsbehörden in den anderen Ländern, also diese Nursing Council, wo man sich registrieren lassen muss, als Pflegeperson, oft auch der Berufsverband sind. Also wenn da im Falle von Neuseeland sind es 35.000 Pflegepersonen, die alle registriert sein müssen. Die haben schon eine starke Stimme der Politik gegenüber und die kann dann selbst bestimmen, was für Kompetenzen haben wir jetzt eigentlich? Also was können wir alles machen. Was wollen wir alles machen? Wie bilden wir unsere Leute aus? Und ich glaube, zukünftig wäre das ein Ziel, dass in Deutschland die Berufspolitik und die Berufsverbände sich auch einsetzen sollten. Dass wir es eigenbestimmt über unsere eigene Profession auch bestimmen können, wie wir es ja für andere auch schon gilt.

(Marina Schnabel) Der Pflege eine Stimme geben. So habe ich Sie verstanden, Herr Martens. Sollten die Berufsverbände offensiver auftreten und der Pflege wirklich die Stimme in der Politik und in der Gesellschaft verleihen, also nicht nur die einzelnen Pflegekräfte vor Ort ein Pflegebett selbstbewusst ihre Stimme erheben und sich einbringen in Versorgungsprozesse, dann eben auch Berufspolitik, Politik und Berufsverbände. Was erwarten Sie sich da noch, Frau Kilic? Was erhoffen Sie sich?

(Laura Kilic) Tatsächlich ist meine Perspektive fast ein bisschen anders darauf. Also ich stimme an sich zu. Ja, wir brauchen eine Stimme. Wir müssen auch mit einer Stimme sprechen. Über eine Million Pflegekräfte in Deutschland, also die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Eigentlich könnten wir sehr viel Macht auch haben, in der Hinsicht im Sinne von Sachen beeinflussen. Aber es gibt diesen wahnsinnigen, niedrigen Organisationsgrad in der Pflege, zehn Prozent in einer Gewerkschaft. Die DBFK, größter Berufsverband in der Pflege, hat 80.000 Mitglieder, also nicht mal zehn Prozent der Pflegekräfte sind da drin. Und das bedeutet, das schwächt es quasi. Also die Berufspolitik wird nicht handlungsfähig, wenn die Pflege an sich nicht bereit ist, sich zu organisieren. Ich bin in NRW, wir haben eine Pflegekammer, Es wird immer noch darüber negativ gesprochen, obwohl wir die haben. In anderen Ländern wird dagegen gestimmt. Niedersachsen schafft ab, Baden-Württemberg wählt dagegen. Wir sehen da keine Bereitschaft und ich sehe eher den Bedarf nach innen. Also die Pflegekräfte müssen endlich laut werden. Also nicht nur meckern, sondern endlich sagen „Ich liebe meinen Beruf, ich will, dass sich was verändert“. Also organisiere ich mich. Stehe ich dahinter, beschäftigt mich auch damit, was eigentlich politisch los ist. Nur so können die Berufsverbände, die Kammern, die Gewerkschaften auch stark werden mit der Zeit, um diese Stimme gegenüber der Politik überhaupt zu bekommen. Und wenn sich auf der Ebene was verändert, wird sich auch die gesellschaftliche Einstellung verändern. Also es ist ein Kreislauf und wir können halt nicht mehr warten darauf, dass jemand anderes was für uns tut. Das machen wir schon lange genug, finde ich in Deutschland. Und es funktioniert nicht. Und für mich ist eindeutig klar Es ist Zeit, dass die Pflege endlich mal aufsteht und sagt So, und jetzt nicht mehr. Also das ist meine Haltung. Einfach.

(Marina Schnabel) Dankeschön für dieses Statement. Nochmal so zum Schluss das fasst ganz gut zusammen, was mir eben wichtig war. Wir müssen den Auszubildenden eine Stimme verleihen und wie sie eben sagen, läuft da ganz viel. Oder würde viel laufen über diese Verpflichtung, die wir aus anderen Ländern kennen, im Berufsverband sich zu engagieren, eine Kammer zu haben, die unsere Interessen vertritt und auch die Berufszulassung regelt. Das war mir immer ein fürchterlicher Dorn im Auge, dass andere Berufsgruppen unsere Berufszulassung regeln. Und, ja, der Berufsstolz ist halt eng verknüpft mit der Autonomie im Beruf. Auch mit dem, mit der Selbstverwaltung im Beruf. Und da die Auszubildenden zu motivieren oder eben überhaupt die Berufsangehörigen, die vielen, die da sind, die Auszubildenden allein sind ja gar nicht zu motivieren oder zu verpflichten, sich da einzubringen. Das würde uns tatsächlich als Berufsgruppe doch eine starke Stimme geben. Hoffen wir, dass uns das irgendwann gelingt. Ich sehe das auch mit sehr gemischten Gefühlen, wie sich das entwickelt mit den Berufskammern, wo wir einfach nicht vorankommen. Und ich glaube, es ist ganz arg wichtig, in der Ausbildung den Auszubildenden die Kompetenz zu vermitteln, dass sie Dinge, die in der Pflege oder im Gesundheitswesen kritisch sind, dass sie die auch kritisch und selbstbewusst ansprechen, aber nicht immer nur jammern und klagen über Missstände oder über Belastungen, sondern konstruktiv gemeinsam nach Lösungen suchen. Also so eine positiv konstruktiv kritische Haltung zu haben, Ein komisches Wortkonstrukt merke ich gerade. Aber ich denke, Sie verstehen, was ich meine. Dann kann man was verändern. Durch Jammern verändert man leider nichts, sondern eben durch das Selbstbewusstsein und die Argumentationsfähigkeit. Begründungsfähigkeit, Dinge anzusprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen und voranzuschauen. Mich würde jetzt noch am Schluss so ein Abschlussstatement von Ihnen interessieren, weil ich echt neugierig drauf bin, was Sie sagen, wenn ich Ihnen die Frage stelle oder den Satz anfange, den Sie bitte vervollständigen würden. Ganz spontan, wenn sie einen Wunsch frei hätten. Also wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wünsche ich mir für die Pflege Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen. Was würden Sie da sagen, Frau Kilic?

(Laura Kilic) Jetzt muss ich kurz überlegen. Ja, Also, was ich da sagen würde, wenn ich einen Wunsch frei hätte für die Pflege, würde ich mir wünschen, dass sie, wie ich auch gerade schon gesagt habe, laut wird, dass sie ungemütlich wird und dass sie sich auch endlich mal das auch zutraut, dass sie das auch wert sind, das zu tun.

(Marina Schnabel) Schön. Was für einen Wunsch würden Sie formulieren, Herr Bongard?

(Ingo Bongard) Also, wenn ich einen Wunsch frei hätte für die Pflege, dann würde ich mir wünschen, dass jeder, der in der Pflege tätig ist, stolz darauf ist, dass er in der Pflege arbeitet, dass er stolz darauf ist, was er für einen Beitrag für die Gesellschaft leistet und dass er stolz darauf ist, welche Profession er ausübt. Dass dieser Stolz für den Beruf, wieder für die Pflege da ist. Das wäre mein Wunsch für die Pflege.

(Marina Schnabel) Danke. Und der letzte Wunsch? Der geht jetzt an Herrn Martens und ich bin gespannt.

(Christoph Martens) Wenn ich einen Wunsch für die Pflege frei hätte, dann würde ich unseren Auszubildenden eine tolle, spannende, selbstbewusste Zukunft in der Pflege wünschen.

(Marina Schnabel) Dankeschön für Ihre Wünsche und vor allen Dingen für diesen sehr interessanten Austausch über ein finde ich oder eigentlich das wichtigste Thema in der Pflegeausbildung die Entwicklung eines professionellen Selbstverständnisses, die sich in einem Berufsstolz äußert. In dem eben deutlich wird, welche professionelle Kompetenz, welche Kunst Pflege ist, welchen Beitrag sie leisten kann für die Patient*innen-Versorgung. Welche bedeutende Rolle sie in der Gesundheitslandschaft spielt die Berufsgruppe Pflege. Genau das ist ja das Ziel eigentlich, dass wir solche Pflegefachkräfte ausbilden, die nicht nur professionell beruflich Handlungskompetenzen, sondern ein professionelles Selbstbewusstsein haben. Diese zwei großen Ziele haben wir, und darauf müssen wir uns fokussieren, wenn uns das gelingt, unsere Auszubildenden dazu zu stärken und fit zu machen, haben wir die zwei wichtigsten Ausbildungsziele erreicht. Und ja, die professionelle Pflege kann sich immer weiterentwickeln. Ich bedanke mich bei Ihnen, Frau Kilic, Herr Bongard, Herr Martens, für diesen Gedankenaustausch. Ich wünsche Ihnen ganz viel Freude und Erfolg bei Ihrer pädagogischen Arbeit an den Schulen oder wo auch immer Sie irgendwann sich noch einbringen werden. Ich finde, die Berufspädagogik ist ein enorm spannendes, vielfältiges und erfüllendes Arbeitsfeld. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Abschluss Ihrer Studiengänge und bleiben Sie gesund und weiter mit Leidenschaft. Die haben Sie deutlich spürbar gemacht in unserem Interview in der Berufspädagogik. Dankeschön.

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