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09.09.2016 News

„Fernlehre muss beweglich sein“

Hand hält Kugel mit Begriffen rund um "Connecting"

Seit Anfang Juli ist Dr. Ronald Deckert auf einer Vertretungsprofessur im Fachbereich Technik tätig und für den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen verantwortlich. Im Interview beantwortet er Fragen zu den Themen Lehre & Lernen, Vernetzung und Berufsaussichten für Wirtschaftsingenieure.

 

Herr Deckert, wie sehen das Lernen und die Lehre von morgen aus?
Digitalisierung und Vernetzung bringen vielfältige neue Möglichkeiten für das Fernlernen mit sich. So kann die Übermittlung von Informationen über Schrift, Ton und Bild erfolgen.

Für Austausch, Zusammenarbeit und kritischen Dialog sind Online-Verbindungen, Online-Räume und Social Media insgesamt einsetzbar. Feedback und Kontrolle zum Lernstand kann durch Programme unterstützt werden, von der teilweisen Automatisierung von Feedback mittels automatisch ausgewerteter Online-Tests bis hin zur Unterstützung durch Plagiatssoftware.

Die Online-Angebote verbessern sich stetig, insbesondere darin, Lernende abzuholen und mitzunehmen. Für berufsbegleitend Studierende ist heute ein zeitlich und örtlich flexibles Studium eine ganz selbstverständlich genutzte und in weiten Teilen akzeptierte Studienform. Für Fernhochschulen – aber nicht nur für diese – geht es nun darum, sich zusätzlich mit den neuen Möglichkeiten flexibel auf die Lernenden einzustellen.

 

Sie beschäftigen sich mit der Theorie des Konnektivismus: Was ist Gegenstand dieser Theorie und in welcher Verbindung steht sie zum Thema Lernen?
Allen, die sich vertieft für Lernen interessieren, empfehle ich, sich heute – neben anderen Ansätzen – von Gedanken rund um den Konnektivismus anregen zu lassen.

Für mich in diesem Zusammenhang wichtige Punkte sind: Menschen und unbelebte Materie sind unter- und zwischen einander zunehmend vernetzt. Im Bereich der Vernetzung der unbelebten Materie kann man in diesem Zusammenhang übrigens auch vom Internet-der-Dinge (engl. Internet-of-Things) sprechen.

Vernetzung bewährt sich dann für den einzelnen hinsichtlich der Lösung von konkreten Problemen, die sich ihm persönlich stellen. Ich kann beispielsweise das Problem, schnell von A nach B zu kommen, ohne ein Auto zu besitzen, heutzutage mittels Car Sharing lösen, wobei ich über das Internet einen freien Wagen suche und buche.

Dies kann ich nur tun, wenn ich verbunden bin, ebenso wie die Fahrzeuge mit einer Zentrale usw. Oder, je nach den Verbindungen zu anderen Menschen findet man in seinem Netzwerk jemanden, der einen bei bestimmten Problemstellungen weiterbringt.

Übrigens stellt ein berufsbegleitendes Studium eine ganz besondere Form der Vernetzung her, bei der ich auf einige Fragen aus dem einen der beiden Bereiche Beruf und Studium Antworten in dem jeweils anderen Bereich finden kann, wie beispielsweise: Wozu benötige ich eigentlich diese Theorie in der Praxis genau? Oder: Was sind eigentlich wesentliche Einflussgrößen auf diese oder jene im Betrieb anstehende Entscheidung?

 

Woher kommt Ihr Interesse für das Thema Lernen und was verbinden Sie damit?
Mit Lernen verbinde ich in meinem Leben viele bedeutsame Erfahrungen und Ereignisse. Und, da es mir als Lehrender ein besonderes Anliegen ist, etwas von Lernen zu verstehen, befasse ich mich insbesondere auch damit, was Menschen über das Lernen herausgefunden haben, wie die Bedeutung von Neugier und auch Spaß am Lernen.

 

Und welche Lernmethode ist nun eigentlich am effizientesten?
Jeder hat sein eigenes Vorgehen, sein eigenes Wie des Lernens. Damit jeder dieses Wie für sich ideal ausgestalten kann, ist generell anzuraten, sich zunächst über das ganz eigene Wozu im Klaren zu sein und dann seine Ziele fest im Blick zu behalten.

Natürlich kann man dabei zugleich auch viel Wertvolles lernen, das außerhalb dieser Ziele liegt. Ich halte es für vorteilhaft, wenn Menschen mit dem Lernen vor allem Neugier sowie Wertschätzung für Wissen und Können verbinden und sich im Klaren darüber sind, dass es etwas Wunderbares ist, durch Lernen beruflich und persönlich für sein Leben zu wachsen.

Es gibt viele Wege und man kann sich glücklich schätzen, wenn man seinen Weg gefunden hat. Meiner Erfahrung nach kann es einem hierbei helfen, sich regelmäßig mit anderen über persönliche Lernwege auszutauschen.

 

Wie sah das Lernen denn bei Ihnen aus?
Wie andere auch, lerne ich bis heute und das Tag für Tag. Das Studium zum Diplom-Physiker war ein klassisches Präsenzstudium in Vollzeit verbunden mit einigem an Zeit, die ich im kleinen Kämmerlein und in Lerngruppen verbracht habe.

Den Executive M.B.A. und die Dissertation habe ich berufsbegleitend absolviert. Dies habe ich für die beiden Lebensbereiche Lernen und Beruf als gegenseitig sehr vorteilhaft empfunden. Streckenweise musste ich mich dabei mit Disziplin auf den Hosenboden setzen, viel Lesen, mir vieles einprägen und viele Informationen miteinander verknüpfen.

Am Ende ist es aber ein großartiges Gefühl, wenn man eine schwierige Aufgabe gelöst und ein herausforderndes Ziel erreicht hat.

 

Welchen Herausforderungen steht konkret die Fern-Lehre gegenüber?
Da Lernen schlussendlich im Kopf der Lernenden stattfindet, steht Fern-Lehre vor der stetigen Herausforderung, Lerner erfolgreich auf Entfernung abzuholen.

Fern-Lehre muss so beweglich sein, dies auch dann zu schaffen, wenn sich die Ansprüche der Lernenden verändern. Wir sollten uns stetig fragen, was Fernlernende für ihren persönlichen Lernerfolg benötigen. Wie kann Lernen an Zielen ausgerichtet wirksam mit Relevanz und Emotionen wie Neugier, Entdeckergeist und Spaß verknüpft werden?

Eine wesentliche Herausforderung ist heute sicherlich, wie sich Hochschulen zur Digitalisierung stellen und sich hier positionieren. Der Anbietermarkt zum Fernlernen ist recht bunt. Dies wird auch an den sieben Szenarien für digitale Weiterbildungsangebote deutlich, die sich in einer aktuellen Studie des Hochschulforums Digitalisierung finden.

 

Was läuft in der Lehre an der HFH vorbildlich?
In der kurzen Zeit, die ich hier tätig bin, sehe ich die folgenden Stärken der HFH mit positiven Auswirkungen auf die Lehre: Bildung als gesellschaftlich relevanter Wert, Fokus auf Qualität an der richtigen Stelle bezüglich Personal und Prozessen, sehr enges Netz an Studienzentren für Präsenzanteile nach Bedarf und für Prüfungen, Informationstransparenz/Business Intelligence und ein hohes Engagement der Beschäftigten.

 

Wo gibt es Entwicklungspotenzial und was könnte hierfür getan werden?
Die strategischen Weichen sind sehr gut und unter Berücksichtigung vorhandener Stärken und Schwächen gestellt. Durch diese Weichenstellungen werden – neben dem Ausbau des Studienprogramms – insbesondere die vorhandenen Erfahrungen mit Online-Lehre zukünftig noch stärker für das gesamte Studienprogramm genutzt.

Dies ist sicherlich gut und richtig. Es ist aber zugleich auch gut und richtig, dies sehr bedacht zu tun, und Neuerungen zu etablieren, die besonders didaktisch Sinn machen. Hierfür sind die ersten wichtigen Schritte getan und maßgebliche Eckpunkte für das weitere Vorgehen stehen fest.

 

Wirtschaftsingenieurwesen an der HFH studieren, und dann? Was kann nach dem Studium kommen? Wie sehen die Perspektiven aus?
Das Wirtschaftsingenieurwesen ist ein sehr gut etabliertes Modell einer integrierend wirkenden akademischen Ausbildung mit zwei Standbeinen im technischen und im wirtschaftlichen Bereich und gehört zu den Traditionsprodukten der Hamburger Fern-Hochschule.

Wirtschaftsingenieure sind in der Lage, verschiedenste Fragestellungen in Unternehmen aus technischer und wirtschaftlicher Sicht zu verstehen, zu analysieren und zu bewerten. Dadurch eröffnen sich vielfältige Perspektiven, vor allem auch für berufsbegleitend Studierende.

Nach einer hochschulinternen Befragung wird der Wert des Studiums für 84% der teilnehmenden Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen an der HFH in Bildung und persönlicher Weiterentwicklung gesehen. Das Studium verschafft also berufliche und auf die Persönlichkeit bezogene Perspektiven.

 

Wo sind Wirtschaftsingenieure überall einsetzbar?
Die Herausforderungen, vor denen wir Menschen stehen, und die Problemstellungen, mit denen wir uns heute Tag für Tag befassen, sind in vielen Bereichen komplex und schwer zu durchdringen.

Man spricht beispielsweise im Zusammenhang mit dem Strategischen Management auch von „wicked problems“, die nicht so einfach und eindeutig zu lösen sind. Um heute Lösungswege zu finden, ist vieles zu beachten. Unternehmen sehen sich vielfältigen Ansprüchen verschiedenster Stakeholder gegenüber und dürfen den Anschluss an die in Teilen rasanten technologischen Entwicklungen nicht verlieren.

Vor diesem Hintergrund bestehen für Wirtschaftsingenieure viele Einsatzmöglichkeiten. Projektmanagement, Vertrieb, Controlling, Unternehmensleitung, Logistik/Transport/Verkehr und Produktion haben dabei eine hohe Bedeutung, wie die Studie Wirtschaftsingenieurwesen in Ausbildung und Praxis des Verbandes Deutscher Wirtschaftsingenieure zeigt.

Auch in den Entwicklungen und Problemstellungen rund um Digitalisierung/Industrie 4.0 oder Klimawandel/Nachhaltigkeit, die interdisziplinären Charakter tragen und eine sehr breite Relevanzbasis besitzen, sind Wirtschaftsingenieure je nach eigenem Interessenschwerpunkt gut aufgehoben.

 

Wie können die Studierenden Ihre Karrieremöglichkeiten verbessern?
Laut der bereits erwähnten Studie scheinen sich Studierende des Wirtschaftsingenieurwesens und Unternehmen recht einig darin zu sein, dass folgende Punkte wichtig sind:

Auslands- und Praxisbezug sowie Studienschwerpunkte, und diese noch vor Abschlussnote und Studiendauer. Ein Wirtschaftsingenieurwesen-Studium an der HFH spiegelt dies mit dem Hauptpraktikum – das ins Curriculum integriert ist – und der Möglichkeit, Auslandsaufenthalte flexibel mit dem Studium zu kombinieren, wieder.

Zudem werden der Studienkonzeption entsprechend wichtige Einsatzfelder als Schwerpunkte im Studium angeboten und auf weitere Einsatzfelder kann man sich dann auch heute schon in seinem Maschinenbau-Masterstudium an der HFH vorbereiten.

 

Zum Thema:

Industrie 4.0 - Was tun, um nicht zwischen die Räde zu kommen?
Vortrag von Prof. Dr. Ronald Deckert beim Deutschen Weiterbildungstag 2016 an der TU Berlin

 

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