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Transkript Alumnus Manuel Kahl

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Herzlich willkommen, herzlich willkommen, einem neuen Gesprächspartner. Da würd ich gleich mal Sie bitten, dass Sie sich selber vorstellen und schön, dass es heute Abend geklappt hat. Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Manuel Kahl
Vielen lieben Dank, Frau Professor Schröder, für die Einladung. Mein Name ist Manuel Karl. Ich komme aus Heidelberg, bin Pflegedienstleiter in einem stationären Hospiz und habe 2025 meinen Bachelor an der Hamburger Fern-Hochschule gemacht im Bereich Gesundheits- und Sozialmanagement.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, perfekt. Und damit sind Sie natürlich ein perfekter Gesprächspartner heute. Wenn Sie jetzt auf Ihr Studium zurückblicken, das ist ja noch nicht so wahnsinnig lange her: Was überwiegt denn da für 'n Gefühl?

Manuel Kahl
Ich hab mein Studium an der HFH, am 1. April 2020 begonnen und wenn wir uns 'n bisschen zurückdenken, das ging so mitten in die erste, äh, Pandemie, in die ersten Lockdowns und so rein. Das hatte für uns alle ja sehr große Auswirkungen, ähm, zum einen natürlich privat, aber ich glaub, die meisten, die im Gesundheitsbereich, äh, arbeiten, wissen, glaub ich, was ich meine, was für Herausforderungen da auf uns zukamen und welchen wir von heute auf morgen ausgesetzt waren. Und dann parallel zu studieren, ähm, war auch wirklich herausfordernd. Ich fand, dass die HFH sehr schnell reagiert hat, sehr viel auch online angeboten hat, ähm, das Studienzentrum, bei mir war's damals Mannheim, sich sehr flexibel gezeigt hat und das war 'ne sehr herausfordernde Zeit. Weshalb's bei mir dann auch so war, Sie können sich vorstellen, wenn man in der Palliativversorgung arbeitet, ist es auch noch mal, noch mal 'ne besondere Zeit, weil wir natürlich auch viele Menschen begleitet haben, die, äh, mit oder an einer Infektion verstorben sind. Somit hat sich mein Studium dann auch länger hingezogen, als ich das eigentlich vorhatte und, äh, hab dann, 2025, also letztes Jahr, dann meinen Abschluss gemacht.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Okay, klar, wenn man natürlich in der, in der Corona-Zeit beginnt, dann kann man sich gut vorstellen, dass das, dass das noch mal 'ne besondere Situation ist. Äh, nicht nur, dass die Situation an sich schon besonders war, sondern auch noch mal die Rahmenbedingungen natürlich. Und wenn Sie jetzt sozusagen zurückblicken, ne, Sie, Sie haben 'ne, 'ne berufliche Herausforderung, Sie haben dieses Studium absolviert und wenn Sie jetzt quasi mal sich in die Situation versetzen: War's stressiger, als Sie dachten? War's weniger stressig? War's ganz anders, als Sie sich das vorgestellt haben? Oder passte das alles schon irgendwie für Sie?

Manuel Kahl
Also ich hatte mein, mein Werdegang oder mein Bildungsweg war über Werkrealschule, also erst mal Hauptschulabschluss, mittlere Reife, dann FSJ als Pflegehelfer gearbeitet, 'ne Ausbildung angefangen. Das hat sich dann irgendwie nicht so gut angefühlt, dann in die Krankenpflege gegangen und also das heißt einfach, nicht so, nicht so, ja, wie man, wie man das jetzt irgendwie vermuten mag, irgendwie anhand irgendwas eines roten Fadens oder so. Ähm, von daher hab ich mir am Anfang schon Gedanken gemacht:

Manuel Kahl
Kann ich das? Schaff ich das? Und man, äh, hört natürlich auch immer wieder von Studierenden: „Oh ja, Fernhochschule ist auch noch mal auch besonders", weil's einfach mit ganz viel auch Eigeninitiative zu tun hat und sich selbst gut strukturieren zu können. Und da hab ich gemerkt: Doch, das ist eigentlich 'ne Stärke von mir, das kann ich gut und hab mich dann drauf eingelassen und hab dann relativ schnell gemerkt, dass mit der Unterstützung auch der Studienzentren, also Mannheim, später dann auch, äh, sehr viel Stuttgart, ähm, das sehr, sehr gut funktioniert hat. Ich vor allem auch gemerkt habe, dass die Art und Weise, ähm, der, sei es so ganz banale Dinge wie Terminbuchung, wann sind welche Vorlesungen und so, dass das sehr, sehr gut, sehr übersichtlich war. Das für mich in meinen Alltag, ich hab zu dem Zeitpunkt phasenweise 100 % gearbeitet, irgendwann dann 75 oder 80 %. Ähm, da hab ich gemerkt, dass das in den meisten, in den meisten Fällen ganz gut unter den Hut ging. Jetzt muss man fairerweise auch sagen, ich hab länger studiert als die Regelstudienzeit und auch das war völlig unkompliziert und war ohne irgendwie viel Aufwand verbunden und bin ich auch sehr dankbar, ähm, das weiß ich sehr zu schätzen, dass ich da die Unterstützung auch der HFH hatte äh, das dann in dem Tempo zu machen, das für mich gut war und dann auch einfach 'ne, äh, gutes beziehungsweise sehr gutes, ja, Abschlussergebnis dann auch zu haben.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, ich werd ja immer nicht müde zu behaupten, ein Studium zu beginnen ist jetzt nicht so schwierig. Äh, entscheidend ist, dass man zum Ende kommt. Und ich finde immer, ob das jetzt 'n Semester mehr oder weniger ist oder auch vielleicht 'n paar Semester mehr oder weniger, das sind ja dann auch ganz individuelle Lebensumstände, die vielleicht dazu führen, dass ich 'n bisschen länger brauche und das ist auch, find ich, völlig in Ordnung. Ich mein, wer sagt denn, dass das immer alles in der Regelstudienzeit, ne. Die Allerwenigsten schaffen das ja, äh, in der Regelstudienzeit. Wir hatten im letzten Podcast schon drüber gesprochen. Also 70 % sollen länger brauchen als die Regelstudienzeit, jetzt über alle Angebote gerechnet sozusagen. Da gibt's sicherlich noch mal große fachspezifische Unterschiede, aber ich finde das auch überhaupt nicht schlimm. Also ich hab nie verstanden, warum das 'n Wert an sich sein soll, wenn man möglichst früh fertig ist.

Manuel Kahl
Ja, ich finde vor allem, ähm, so'n bisschen wie beim Autofahren, wenn man eine Reise hat. Es kommt für mich jetzt nicht so darauf, äh, an, dass ich möglichst schnell an meinem Ziel bin, sondern dass das sicher und möglichst nachhaltig passiert. Also dass ich, ähm, dann auch das Gefühl habe, äh, die Dinge sind dann auch wirklich verankert in meinem Kopf. Wir wissen alle, ähm, alle, die, ähm, was gelernt haben, sei es aus der Schule, sei es aber auch so, ähm, es wär gelogen, wenn man jetzt sagen würde, alles im Detail, da erinnert man sich noch dran, was man in dem und in dem Semester gemacht hat. Überhaupt nicht. Aber es geht darum vor allem auch über, in der Zeit hab ich für mich gemerkt, dass ich auch über mich viel gelernt habe, wie ich überhaupt lerne, was ich dafür brauche, dass es für mich nachhaltig, wird und das, da ist Zeit unter anderem einfach 'n Faktor gewesen. Und vor allem auch einfach 'ne, ähm, 'ne Motivation für das Thema. Ich hatte am Anfang mir so angeschaut: Was gibt es so für Module? Und hab bei dem einen oder anderen Modul gedacht: „Da bin ich mal gespannt." Aber ich hatte kein einziges Modul, wo ich das Gefühl hatte: „Boah, da hab ich so gar keine Lust drauf." Also ich hab so bei so Dingen wie internes und externes Rechnungswesen, da wusste ich, dass mir das absolut schwerfallen wird und hatte 'nen ganz tollen, äh, ganz tollen Dozenten, der mich da mitgenommen hat, unterstützt hat, sodass das auch gut wurde. Ähm, und das find ich, macht viel mehr aus, dass man 'n Themenbereich findet, wo man sagt: „Ey, ich hab da Lust drauf und ich find's irgendwie spannend und ich lass mich mal da drauf ein." Ich finde dann-

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, und trotzdem, glaub ich, gehört zu einem Studium auch dazu, dass es mal 'n Thema gibt, ein Modul gibt, 'ne Prüfung gibt, wo man einfach sagt: „Och, hätt ich jetzt nicht unbedingt gebraucht. Hätten sie auch weglassen können."

Manuel Kahl
Ja, absolut.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ich glaube, das darf auch so sein und das gehört auch dazu, weil am Ende des Tages dokumentiert man ja durch so ein Studium auch, dass man 'ne gewisse Fähigkeit hat, am Ball zu bleiben, sich da durchzubeißen, vielleicht auch mal an der einen oder anderen Stelle. Und das find ich jetzt gar nicht so schlimm, dass es das auch mal gibt, weil ich find, das gehört auch dazu, ne.

Manuel Kahl
Ja, und ich finde vor allem, ähm, diese, diese vielen verschiedenen Perspektiven dann auf, auf 'n Thema, jetzt in meinem Fall Gesundheits- und Sozialmanagement, die vielen verschiedenen, ähm, Themenbereiche, die es abdeckt. Also ich finde sowohl im Studium als auch so in unserem allgemeinen Leben, es würde uns in vielen Bereichen absolut guttun, wenn wir häufiger andere Perspektiven einnehmen würden. Es würde mehr Verständnis schaffen. Es würde uns selbst auch mehr weiterentwickeln. Es würde unsere Toleranz auch, äh, deutlich mehr fördern. Von daher, äh, freu ich mich über, über alle Themen, die so kommen, auch wenn ich im ersten Moment vielleicht zurückschrecke, aber ich bin, bin mir sicher, 'ne Kleinigkeit nimmt man immer mit.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, und ich finde, wir haben ja während der Corona-Pandemie ja auch sehr schmerzhaft erfahren, dass es vielleicht nicht ausreicht, nur mit der virologischen Brille auf eine Problematik zu gucken, ne. Das ist eigentlich, find ich, ja das beste Beispiel und ich bin da bei Ihnen. Trotz allem hab ich so bisschen das Gefühl, dass wir nicht so wahnsinnig viel draus gelernt haben an vielen Stellen.

Manuel Kahl
Ja, da bin ich, da bin ich bei Ihnen. Also auch grade, was auch, so, ja, Administration betrifft oder auch dann Regeln umzusetzen, da fehlt mir oft irgendwie so der, der reine Pragmatismus. Ich find das dann oft sehr, sehr umständlich. Und wenn man dann direkt noch wirklich, äh, entweder selbst am Bett steht oder eng an den Kolleginnen dran ist, die das tun, ähm, merkt man relativ schnell, dass dazwischen irgendwie was verloren geht. Also dass von der Arbeit am Bett bis oder sagen wir mal, von dem, von der akademischen, äh, Ausarbeitung, von der wissenschaftlichen Ausarbeitung bis dann zur Umsetzung am Bett, ähm, ja, es hier und da für mich schon realitätsfern ist und viele, viele Dinge nicht umsetzbar sind. Wir auch schnell gemerkt haben, auch bei mir jetzt im stationären Hospiz, dass auch viele Bereiche gar nicht abgedeckt sind. Also dass Menschen dann Entscheidungen getroffen haben, wo man gemerkt hat, die denken grad gar nicht an uns. Die wissen grad gar nicht, was diese Regel für uns bedeutet, wenn es heißt, äh, gar keinen Zugang mehr zu jemand mit, äh, mit 'ner Infektion. Also dass da Menschen alleine sterben werden, dass Menschen nicht umgeben sein können, wenn sie das wollen von den Menschen, die sie gerne eigentlich in den letzten Tagen, Stunden oder Minuten ihres Lebens gerne bei sich hätten. Ähm, das hat sich dann glücklicherweise auch durch Verbandsarbeiten, durch die Kontakte auch dann in die Politik dann auch verändert in der, in der Corona-Zeit. Ähm, aber das ging eben auch nur durch Menschen, die eben auch gesagt haben: „Ey, ich hab mir über die Jahre 'n Wissen angeschafft und ich hab mir 'nen, 'nen Standing auch erarbeitet, sodass ich die Kontakte habe", weshalb ich auch nach wie vor ein ganz großer Verfechter vom Netzwerken bin und großer Freund davon bin, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben und eben da auch zu schauen: Wie ist deine Perspektive, wenn du jetzt in der, wenn du jetzt da im, äh, als Landtagsabgeordneter sitzt und irgendwas zu entscheiden hast oder wenn du im Landratsamt bist und im Gesundheitsamt bist, ähm, was hast du denn für Herausforderungen, wenn du für uns entscheiden musst? Und dass wir da in der Zeit wirklich versucht haben, gemeinsam dann für die Versorgung der schwerkranken Sterbenden so möglichst auch bei, bei hohem Bevölkerungsschutz und hohem persönlichen Schutz auch trotzdem versucht haben, ja, auch pragmatische Lösungen zu finden.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, ich finde, da sprechen Sie ein ganz, ganz spannendes Thema an und ich könnte mir vorstellen, dass nicht für alle, die uns jetzt zuhören, so das Thema Hospiz und, und Hospizarbeit, äh, so, so ganz präsent ist. Also vielleicht ganz kurz noch zu mir: Ich habe im Jahr 2000 meine Doktorarbeit geschrieben zu Rechtsfragen der Sterbehilfe, unter anderem auch bei Neugeborenen. Hab mir also sozusagen das Thema angeguckt und mach als Anwältin seitdem sehr viel auch für Hospize, so Fortbildungsgeschichten. Mach ja auch was fürs Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg. Die kennt man ja immer auch, äh, machen eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Und ich werde das, glaub ich, nie vergessen, als ich das erste Mal vor einem offenen Kindersarg stand und mich von dem Kind verabschiedet hab und von den Eltern verabschiedet hab, die ich davor, ähm, begleitet hab. Das war für mich damals 'ne ganz, ja 'ne ganz spannende Situation, weil ich hab vorher noch nie ein totes Kind gesehen gehabt. Dazu kam noch, der, ähm, Verstorbene war damals so alt wie mein Sohn, ähm, und sah auch wirklich sehr ähnlich aus tatsächlich. Und ich hab damals für mich, ähm, wahnsinnig viel mitgenommen aus dieser Situation heraus, aus der Begegnung mit den Eltern, natürlich auch aus der Begegnung mit denen dort professionell Tätigen und, ähm, hab da für mich das erste Mal wirklich auch das Gefühl gehabt... Ich finde das schwierig zu sagen, aber ich versuch's trotzdem und ich hoffe, dass es richtig verstanden wird, dass wirklich versucht wurde, den Rahmen, der so traurig ist, wie er nur sein kann, wenn man ein Kind verabschieden muss als Eltern, aber trotz allem so würdevoll gestaltet wurde, wie man das irgendwie machen kann. Und ich finde, das ist wahnsinnig gut gelungen da. Und deswegen schätze ich die Arbeit derer, die dort arbeiten, einfach so sehr, weil ich das so wichtig finde und weil ich es auch so schade finde, wie sehr sie immer alle auch Spenden kämpfen müssen. Das ist ja auch noch mal ein Thema Finanzierung natürlich. Und, ähm, vielleicht mögen Sie uns da einfach noch mal so ein bisschen mitnehmen in so einen Arbeitsalltag, in das, was Sie da so umtreibt. Das wäre, glaube ich, sehr spannend.

Manuel Kahl
Also Sie können sich vorstellen, wenn ich irgendwo hinkomme, privat oder so, man ist irgendwo eingeladen, die Menschen wissen noch nicht, was ich mache, dann ist ja relativ schnell in so einem Small Talk, dass man fragt: „Und was machst du? Was machst du?“ Äh, und wenn ich dann sage, was ich mache, können Sie sich vorstellen, also erst mal ist das oft ein Downer. Also wenn ich dann sage, wo ich arbeite, ist erst mal so die Reaktion: „Oh wie traurig.“ Und dann denken alle, sie müssten jetzt ganz, äh, traurig schauen und merken dann an mir, dass ich eigentlich gar nicht traurig schaue, sondern dass ich mit ganz viel Herz, mit ganz viel Leidenschaft davon erzähle, was ich so machen kann. Und, ja, der häufigste Satz, den ich dann höre, ist: „Also ich könnte das ja nicht.“ Ähm, und dann sage ich: „Ja, musst du ja auch nicht. Also musst du ja gar nicht machen.“ Ich für mich hab gemerkt, dass, ähm, Menschen und da sind wir-- Also eigentlich wissen wir, dass permanent gestorben wird. Also permanent sind Menschen am Sterben. In Deutschland sind es pro Jahr irgendwie knapp unter eine Million Menschen, die jedes Jahr sterben. Und dennoch habe ich das Gefühl, wir reden nicht so viel drüber. Selbst in meiner Bubble, wo viele ja wissen, was ich mache, habe ich oft das Gefühl, dass nicht so viel drüber gesprochen wird. Und jetzt ist es so, ähm, nur weil ich nicht drüber spreche, äh, und wenn ich sozusagen mit Scheuklappen durch die Gegend laufe, dann geht’s den Menschen trotzdem nicht gut. So, es gibt dort Menschen, die, die Unterstützung brauchen. Und so mein innerer Antrieb ist: Ich kann nicht verändern, dass die Menschen sterben. Wenn die zu mir im Hospiz kommen oder früher habe ich in der SAPV, in der spezialisierten ambulant-palliativen Versorgung, also in ambulanten Palliativteams gearbeitet als Pflegekraft. Wenn ich da Menschen begegne, dann weiß ich, die werden sterben. Und ich kann nicht verändern, dass sie sterben, aber ich kann den Weg gemeinsam mit dieser Person beeinflussen oder auch mitgestalten und kann Impulse geben und kann schauen: „Ey, was brauchst du denn jetzt eigentlich? Ähm, was, was ist es, was dir jetzt guttut?“ Und dann ganz individuell zu schauen: Wie kann ich dich unterstützen? Und es ist bei mir so, ich hab ja auch schon in anderen Bereichen gearbeitet, wo ich mir häufiger die Frage gestellt habe: „Boah, bleibe ich in der Gesundheitsbranche?“ Ähm, es war ja auch schon, als ich vor jetzt fast zwanzig Jahren angefangen habe, in der, im Gesundheitsbereich zu arbeiten, ähm, gab’s viele Themen, gab’s damals auch schon Personalmangel et cetera. Alles jetzt heute noch mal viel, viel verschärfter und viel extremer in der Wahrnehmung. Auch von der Finanzierung habe ich das Gefühl viel extremer. Und als ich dann in die Palliativversorgung gekommen bin, habe ich mir irgendwann gar nicht mehr die Sinnfrage gestellt. Also ich habe mir nicht mehr die Frage gestellt: „Ist das denn überhaupt sinnvoll, was ich da jeden Tag tue?“ Natürlich denke ich mir bei den einen oder anderen Prozessen: „Boah, das könnte irgendwie ein bisschen schlanker gehen. Und jetzt die Doku da. Jetzt will die Behörde dieses Formular und das Formular und jetzt meldet sich der medizinische Dienst und jetzt musst du, äh, bei jemandem, der gerade sterbend ist, irgendwie einen Bogen ausfüllen, der eigentlich für die Menschen zu Hause im ambulanten Bereich gemacht ist, wo dann der Pflegegrad eingestuft wird und du merkst irgendwie, das passt doch gar nicht.“ So, und ich, äh, dann merke: Nee, du hast aber die Möglichkeiten, weil wir eben Kontakt haben, jetzt einfach mit Menschen zusammenzuarbeiten, zu sagen: „Ey, für euch ist es doch auch nicht befriedigend, beim medizinischen Dienst, wenn ihr dann so einen halb ausgefüllten Bogen bekommt. Lasst uns doch gemeinsam was entwerfen, ähm, dass wir, dass wir schauen, wie können wir denn so Prozesse vereinfachen.“ Und da habe ich gemerkt, da braucht’s für mich eine Grundlage. Dafür möchte ich mehr Wissen haben über unser Gesundheitssystem, auch im Bereich auch Management und hab dann für mich gemerkt, dass der Weg über, über ein Bachelorstudium für mich die breiteste Aufstellung ergibt, weil ich natürlich auch im stationären Hospiz auch eine Weiterbildung hätte machen können dann die Leitung, ähm, die pflegerische Leitung zu übernehmen, aber ich für mich gemerkt habe: Ich glaube, ich möchte den akademischen Weg gehen einfach noch mal eine breitere Perspektive darauf, ähm, zu bekommen, ähm, wo ich bis heute sehr, sehr, sehr dankbar bin, weil ich’s in, äh, einigen Prozessen immer mal wieder merke, dass es gut ist, ähm, breit aufgestellt zu sein.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Aber wenn Sie so jetzt auf ‘ner Party sind und gefragt werden, was Sie tun, und dann sagen Sie, was Sie tun. Es gibt ja auch andere Berufsgruppen, die berichten Ähnliches. Bestatter zum Beispiel, ne? Die, die berichten auch immer, dass das so, so kurz und so, so, so ein bisschen zu, zu kurzer Schweigeminute, sag ich mal, führt.

Manuel Kahl
Ja.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Und wenn Sie dann aber mit ganz viel Lebendigkeit erzählen, was Sie machen, haben Sie das Gefühl, das Thema ist schon auch so im Laufe der Zeit, ähm, ein bisschen präsenter geworden? Oder ist es immer noch genauso schwierig, wie es, wie es vielleicht vor zehn oder vor zwanzig Jahren war?

Manuel Kahl
Also ich glaube schon, dass es da eine Bias, so eine Verzerrung schon geben kann aufgrund dessen, in welchen, also wo ich lebe und dass mein, dass mein Freundeskreis und mein Familienkreis schon weiß, was ich mache und man schon auch so ein bisschen in der Bubble ist. Also da ist immer schwierig, ne, so eine Auskunft zu geben. Ich habe schon das Gefühl, dass vor allem auch die jüngeren Generationen, also meine Generation jetzt, ähm, ich bin, äh, äh, fünfunddreißig und jünger, deutlich offener mit dem Thema umgeht. Also das habe ich schon das Gefühl, dass mehr drüber gesprochen wird. Und ich merke, wenn ich dann darüber erzähle und erzähle, was ich so mache, dass es eigentlich immer dazu kommt, dass man in irgendeiner Form ‘ne Beratung macht. Also dass Menschen dann sagen: „Ach ja, meine Oma ist irgendwie letztes Jahr verstorben oder meine Mutter oder mein Bruder“, oder wie auch immer. Oder: „Wir haben jetzt irgendwie, ja, die Nachbarin hat irgendwie eine Krebsdiagnose bekommen und ich bin da irgendwie unsicher.“ Und man relativ schnell merkt, dass es ganz viele Fragen gibt, ganz viel Unsicherheiten gibt, aber ganz viel Interesse daran, auch daran, was zu ändern und Menschen beizustehen. Und in der Palliativversorgung sagt man, sorgende Gemeinschaften, also Caring Communities zu schaffen, sodass wir, zwar die Profis auch brauchen, also die SRPV-Teams oder die stationären Hospize, aber wieder wir mehr wieder dahin gehen, dass wir als, als Bevölkerung mehr befähigt werden, auch Menschen zu begleiten, uns das zuzutrauen, weil wir schon in den letzten, würd ich sagen, ja, so in den letzten 30 bis 50 Jahren schon sehen, dass das Sterben immer mehr institutionalisiert worden ist. Das heißt, in Pflegeheimen und Krankenhäusern sterben zusammen knapp 80 % der Menschen sterben in Pflegeheimen oder im Krankenhaus. Also es ist ‘ne total hohe, hohe Zahl. Und wenn man sich dagegen anschaut, wie der Wunsch aussieht, der Wunsch ist bei ungefähr, je nach Umfrage, bei circa 70 %, wo Menschen sagen: „Ich möchte eigentlich gerne zu Hause sterben oder in meinem gewohnten Umfeld.“ Da merken wir, dass da, dass da automatisch ‘n Spannungsfeld, entsteht und wir jetzt, da spreche ich, glaub ich, für die allermeisten Hospiz- und Palliativbewegung, vor allem auch uns dafür einsetzen, dass neben der Versorgung in unseren Einrichtungen wir vor allem auch andere Menschen stärken, sich auch mehr zuzutrauen, auch Sterbende zu begleiten und beizustehen.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Da gibt's ja so Letzte-Hilfe-Kurse, wo man solche Dinge auch lernen kann. Wird so was gut nachgefragt?

Manuel Kahl
Ja, also ich bin engagiert bei Letzte Hilfe Deutschland. Ich bin auch, es gibt auch ‘nen Kurskonzept Letzte Hilfe professionell, richtet sich an Menschen, die in der Gesundheitsbranche arbeiten und dort entwickle ich auch und evaluiere die Kurse weiter. Und da haben wir jetzt grade den Foliensatz überarbeitet aufgrund von Umfrageergebnissen dann näher anzupassen. Ja, es wird total nachgefragt. Es ist auch in den letzten Jahren total gestiegen. Allein in Heidelberg haben wir in den letzten Jahren irgendwie über 400 Menschen, wenn ich's richtig im Kopf habe, erreicht mit den Kursen. In denen, für die, die Letzte-Hilfe-Kurse nicht kennen: Wenn man Letzte Hilfe hört, dann denkt man vielleicht auch an den Begriff Erste Hilfe. Daran soll's auch ‘n bisschen erinnern. Also bei der Ersten Hilfe geht's ja darum, Maßnahmen zu ergreifen, die das, die das Leben oder Überleben sichern. Und bei Letzte Hilfe geht es darum, Menschen eben zu begleiten, ähm, wo klar ist, die sind so schwer krank oder eben in ‘nem hohen Alter und brauchen Begleitung oder Unterstützung, Fürsorge, äh, am Lebensende. Und diese Kurse sind so aufgebaut, dass es vier Module sind. Es geht in der Regel vier Stunden und im ersten Modul lernt man zum einen ‘n bisschen was zur Haltung, also dass, ähm, der Tod zum Leben dazugehört, dass das Sterben dazugehört. Und man lernt auch, dann im zweiten Modul zum Beispiel etwas über Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung. Also was ist da der Unterschied? Was brauch ich denn? Und man lernt auch: Was für Versorgungseinrichtungen gibt's überhaupt? Also wann kommt jemand auf ‘ne Palliativstation? Wann in ins Hospiz? Wann kommt denn ‘n sogenanntes SRPV-Team? Wann der ambulante Hospizdienst? Ähm, was ist meine Rolle als An- und Zugehöriger da? Ähm, im dritten Modul geht's dann Leiden lindern. Also was kann ich auch als Laie tun, ohne dass ich ‘ne medizinische Ausbildung oder pflegerische Ausbildung habe? Ähm, sei es Aromapflege, sei es, ähm, Mundpflege, verschiedene Maßnahmen, aber auch so ‘n bisschen die, die Sorgen und die, ja, die Ängste ‘n Stück weit abzubauen oder zu verlieren gegenüber Medikamenten, die man so hört, wie zum Beispiel Morphin. Da schrecken dann viele direkt auf und denken: „Och jemine, ist es denn schon so weit?“ Und genau, und da geht's quasi darum, einfach, ähm, Ängste zu nehmen, bisschen zu erklären, was da so passiert. Und im vierten Modul, im Modul Abschiednehmen, geht's zum einen darum: Was muss denn eigentlich organisatorisch getan werden, wenn jemand verstorben ist? Also wie lange darf der denn dann zu Hause, im Krankenhaus, im Hospiz oder im Pflegeheim denn noch aufgebahrt werden? Also wie lang darf der Verstorbene dort, wo er ist, noch bleiben? Was für Möglichkeiten gibt es, den Verstorbenen vielleicht auch wieder mit nach Hause zu nehmen? Also da, die Möglichkeiten gibt's, gibt's auch. Ähm, und man spricht über das Thema Trauer. Also, zum einen lernt man ein Trauermodell kennen, aber man spricht auch darüber: Wie kann ich denn mir selbst begegnen, wenn ich, äh, trauere? Oder wie kann ich auch anderen Menschen begegnen, die trauern? Und da hab ich festgestellt, und da gibt's a-auch valide Zahlen, die veröffentlicht worden sind: In den Letzte-Hilfe-Kursen sind 88 % der Teilnehmenden sind Frauen. So, das mag unter anderem daran liegen, dass so die, die Pflege, die, ähm, wird oft noch von Frauen geleistet. Liegt auch oft daran, dass man auch schauen muss: Okay, ist dieses Kurskonzept, das in so ‘ner Gruppe von 15 bis 20 besteht, fühlen sich da Männer wie Frauen gleichermaßen von angesprochen, ähm, in so ‘ner, so ‘ner Gruppe zu sitzen, in ‘nem Stuhlkreis zu sitzen. Da hab ich für mich gemerkt: Männer nehmen's irgendwie nicht so, nicht so an oder weniger an. Und ich hab mir so Gedanken drüber gemacht, hab mich dann mit anderen Menschen unterhalten, auch mit Trauerbegleitern unterhalten und bin dann zu dem Entschluss gekommen, mal zu schauen: Na ja, was sagt denn so die Wissenschaft auch über männliches Trauererleben, also was die, wie Männer ihre eigene Trauer erleben und wie sie auch Trauerangebote in Anspruch nehmen und was so Hürden sein können, oder was ein Trauerangebot haben müsste, dass Männer sich davon angesprochen fühlen. Da hab ich relativ schnell gemerkt: Es gibt fast nix dazu, also sehr, sehr wenig. Das, was man, äh, hat, ist zum großen Teil aus der Perspektive von, äh, Trauerbegleiterinnen oder Trauerbegleitern geschrieben, weshalb jetzt meine Masterarbeit, an der ich grad ganz fleißig, äh, sitze, sich mit dem Thema männlichen Trauererleben nach dem Verlust, ähm, auseinandersetzt. Und ich spreche mit Menschen in ‘ner, in ‘ner qualitativen Studie, also in Interviews spreche ich mit betroffenen Männern, die in den letzten ein bis fünf Jahren einen nahestehenden Menschen durch den Tod verloren haben und schau mir da an eine Gruppe an Männern, die Trauerangebote nicht in Anspruch genommen haben. Und ich schau mir eine Gruppe an von Menschen, die Trauerangebote in Anspruch genommen haben dann zu schauen: Okay, ähm, warum haben sie Angebote angenommen? Warum nicht? Ähm, wie müsste denn ‘n Angebot, äh, aussehen, dass, äh, die Männer sich angesprochen fühlen? Und eine der Fragen in dem leitfadengestützten Interview ist auch, ähm, wenn man sich quasi ein Angebot komplett frei aussuchen könnte und es komplett frei quasi, äh, bei, wenn wir bei Wünsch Dir Was wären und man darf einfach mal überlegen, wie soll so was aussehen, ähm, dass die Männer einfach mal erzählen, wie müsste das denn sein, dass sie da hingehen würden. Und es ist total spannend. Ich kann ja noch nicht viel verraten, weil ich ja mittendrin grade stecke, ähm, aber es ist total klasse und was ich schon sagen kann, ist es, dass es ganz, ganz unterschiedliche Dinge gibt und dass es auf dem jetzt für mich schon deutlich individueller und differenzierter sein wird, als ich das selbst noch angenommen habe. Also dass die Trauer, man sagt immer so salopp auch in der Hospiz- und Palliativbewegung gibt's so 'n Satz, der heißt: Trauer hat viele Gesichter. Und dem kann ich, da kann ich jetzt noch mich viel mehr reinfühlen, wie unterschiedlich das ist und auch wo man denkt: Die beiden Männer haben ja sehr Ähnliches erlebt. Da ist jetzt in etwa im gleichen Alter die Partnerin gestorben oder ein Elternteil. Wo man dann aber merkt, boah, wie unterschiedlich es dann doch ist in der Wahrnehmung und auch in den Bedürfnissen, ähm, welche die Männer dann, äh, äußern, die sie für sich dann brauchen.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, ein wahnsinnig spannendes Thema und glaub ich auch eins, was wir einfach mehr wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen sollen, ne. Also ich mach relativ viel so in der Beratung zu Patientenverfügungen, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und nehme immer wieder wahr, dass es viele Menschen gibt, die sagen: „Ja, ja, müsst ich mich mal drum kümmern.“ Und bei diesem: „Ach ja, müsst ich mal“, ähm, dann kommt der Alltag mit eigenen Themen. Dabei bleibt es dann oft. Und ich sag halt immer: Es ist wichtig, so was zu haben. Idealerweise gleich ab 18. Das gehört zum Standardprogramm dazu.

Manuel Kahl
Ja.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Und es hat ja auch was sehr Entlastendes, Dinge zu regeln, ne. Für mich selber und aber auch für die Angehörigen, die dann einfach wissen: Was wünsch ich mir? Was wünsch ich mir nicht? Ne, was ist mir wichtig? Und für mich gehört zum Beispiel auch so ein Organspendeausweis dazu, ne. Es gibt so viele Dinge, die man regeln sollte und trotzdem erleb ich auch so in der anwaltlichen Tätigkeit halt ganz oft, dass die Leute sagen: „Ja, müsste man mal“, aber es bleibt beim Vorsatz.

Manuel Kahl
Ja. Also ich kann da auch aus meinem privaten Umfeld erzählen. Jetzt, jetzt möge man ja vielleicht denken: Ja, der Herr Kahl, der be-be-befasst sich viel mit Tod und Sterben und da muss doch die, seine Familie muss doch bestens organisiert sein. Und bei meinen Eltern hat es, ich glaube, ich müsste jetzt lügen, so knappe fünf Jahre gedauert von dem ersten Mal so ein bisschen rumkritzeln in der Vorsorgevollmacht bis zum fertigen Dokument. Also es war ein ganz langer Prozess und ich hab dann auch so gemerkt, wie unterschiedlich, äh, meine Eltern damit umgehen. Also zum einen, ja, meine Mutter, die da sehr schnell dann sagte: „Ja, das muss geregelt werden.“ Und mein Vater, der immer wieder dann nachgedacht hat und gesagt: „Nee, ich, äh, schreib das dann noch mal irgendwann sauber auf.“ Und dann hab ich gesagt: „Jetzt schreib das doch gleich ordentlich.“ „Nee, ich mach das dann noch mal.“ Und ich so gemerkt hab: Scheinbar, ähm, braucht das einfach länger sich Gedanken drüber zu machen. Und ist auch gut, weil es ist ja 'ne, ist ja 'ne weitreichende Entscheidung, aber es ist gut, dass man's macht. Und wie Sie vorhin auch gesagt haben, am besten auch tatsächlich schon mit 18, weil was die meisten ja nicht wissen, selbst wenn man als 18-jährige volljährige Person noch bei den Eltern lebt, die Eltern können nicht so ohne Weiteres dann entscheiden. Also ich bin eine volljährige Person und die Eltern sind nicht mehr in Anführungsstrichen für mich zuständig. Das heißt, ähm, ich sollte auch mit 18 überlegen, äh, unabhängig davon, ob ich Motorrad fahre oder irgendwelche Sportarten mache, es kann so schnell gehen. Ich lauf hier draußen raus, lauf über den Zebrastreifen, verhalte mich völlig in Ordnung und werd irgendwie mitgenommen, so. Das, äh, geht unfassbar schnell. Von daher meine große Empfehlung und Bitte an alle: beschäftigt euch damit und sagt bitte auch der Person, die ihr bevollmächtigen wollt, dass sie bevollmächtigt ist. Weil das passiert mir tatsächlich recht häufig, dass die Personen dann bevollmächtigt sind und dann vielleicht, wenn's gut läuft, wissen, dass sie bevollmächtigt sind, aber meistens dann gar nicht im Detail mit der Person drüber gesprochen haben, welche Vorstellungen, welche Ja, wie, wie soll ich denn mal was regeln, wenn du's mal nicht kannst? Wie wäre denn eigentlich in deinem Sinne? Ähm, und da finde ich es total gut, einfach wirklich Gelegenheit zu schaffen, also gar nicht erst drauf zu warten, dass sich das ergibt, sondern wirklich mal bewusst zu sagen: „Ey, es beschäftigt mich. Ich möchte gerne für dich entscheiden, aber dafür muss ich auch wissen: Was stellst du dir denn vor? Wie magst du's denn gerne haben?“ Mal so ein paar Szenarien, ähm, durchzuspielen und dabei kann's helfen, dass man mal überlegt: Was ist denn so im Bekannten-, Freundeskreis schon passiert? Und da fällt den meisten irgendwie was ein. Oder auch manchmal, ähm, denken wir auch an, manchmal ist es vielleicht im privaten Kreis nicht so, dass man was erlebt hat, aber denken wir zum Beispiel an Fälle wie bei Michael Schumacher oder bei anderen Menschen irgendwie des öffentlichen Lebens, wo man dann sehr gut mal besprechen will: Okay, du fährst vielleicht auch Ski. Wie wär das denn bei dir, wenn so was wäre? Was würdest du wollen, ne? Ich soll für dich entscheiden. Was möchtest du, dass gemacht wird? Ähm, und es kann, das können, also das kann wirklich einen auch erst mal belasten und es ist ja auch ein schweres Thema. Aber wie Sie vorhin auch gesagt haben, ich erlebe es in der Praxis absolut, dass es eine Erleichterung ist. Und ich erleb das vor allem da, ähm, so als praktisches Beispiel: Ähm, stellen Sie sich mal ein Ehepaar vor, die sind irgendwie 60 Jahre verheiratet. Dann hab ich's nicht selten gehabt, dass dann einmal der Ehepartner bei mir im Hospiz ist, nicht mehr für sich entscheiden kann, auch nicht mehr seine Wünsche äußern kann. Und dann steht eine Ehefrau da und man fragt die: „Ja, was würde denn der Herbert denn wollen?“ Und dann sagt sie: „Boah ja, weiß ich nicht. Da hat er sich immer drum gekümmert das ganze Papierzeug. Ich weiß es nicht. Wir haben nie drüber gesprochen.“ Jetzt ist sie aber bevollmächtigt, trifft 'ne Entscheidung und es mag vielleicht auch die richtige sein und die mag im Sinne von Herbert sein. Aber wir nennen sie jetzt mal Maria. Maria wird sich immer wieder Gedanken machen: Das wollte Hab ich denn richtig entschieden? Och mein hätte ich nicht vielleicht doch. Ach Mensch, hab ich das denn richtig gemacht? Ähm, und das ist viel schlimmer als die Tatsache, dass man zum Beispiel dasteht und sagt: „Also ich, Maria, würde das für mich anders wollen.“ Aber der Herbert hat zu mir gesagt, wenn das mal eintrifft, er will das anders haben. Das ist zwar nicht mein Wunsch, ich würde mir für mich was anderes wünschen, aber der Herbert hat ganz klar gesagt, so möchte er das nicht mehr und dann möchte er das oder das. Und da merk ich immer, das hilft den Menschen auch in der Trauerbegleitung nach einem Tod total weiter, dass sie eben dann, die sind dann oft einige Schritte schon weiter, weil sie dann sagen können: „Es war so, wie der Herbert es wollte. Der Herbert war immer selbstbestimmt, hat immer gesagt, was er will. Das ist nicht so, wie ich das wollte. Jetzt haben wir's aber so gemacht wie der Herbert und das ist okay für mich. Aber ich für mich, dass ihr das wisst, ich will's mal anders haben.“ Und deswegen die große Bitte an alle: Schiebt's nicht zu lang vor euch her. Es kann unfassbar schnell gehen, ohne euch Ängste zu machen. Es kann unfassbar schnell gehen. Deswegen macht's uns allen leicht, auch die, die für euch dann mal entscheiden sollen oder die auch in der Gesundheitsbranche arbeiten und sorgt vor.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, das ist doch ein wunderbarer Appell. Und wenn nur ein kleiner Teil der Hörer, äh, heute diesen, äh, diesen Appell dann irgendwie aufgreift und wirklich mal sagt: „Ich setz mich hin.“ Und man muss ja auch sagen, also es gibt ja mittlerweile sehr, sehr gute Hilfestellungen, gute Formulare, wo man sich auch orientieren kann. Es ist ja nicht so, dass man sich jetzt ohne jegliche Inspiration vor ein weißes Blatt setzen müsste. Also von daher glaube ich, äh, geht da einiges und wir können ja mal in die Folgenbeschreibung auch mal zwei, drei Dinge als Links reinstellen. Es gibt ja vom Bundesgesundheitsministerium, Bundesministerium der Justiz, find ich, da auch ganz gute Broschüren. Das können wir gerne machen. Dann mag das für den einen oder anderen auch noch mal bisschen, bisschen Hilfestellung sein.

Manuel Kahl
Ja, und wenn, und wenn jetzt jemand von den Zuhörerinnen oder Zuhörern überlegt: „Hm, wo krieg ich denn da Infos in meiner Region?“ In den allermeisten Fällen, die, wir sind ja, die Hospiz- und Palliativbewegung ist ja mittlerweile, zieht sich ja durch Deutschland wie ‘n sehr guter Teppich mit ganz wenig Lücken. Und das heißt, wenn man zum Beispiel weiß da ist irgendwie entfernt ein Hospiz oder da gibt es irgendwie einen ambulanten Hospizdienst oder eine Palliativstation und Co. Ähm, wir freuen uns darüber, auch wenn ihr nicht jetzt im Hospiz jemand anmelden wollt, sondern einfach irgendwie sagt: „Ey, ich will eben mich damit befassen. Äh, kannst du mich da irgendwie unterstützen? Was gibt's hier in der Region?“ Meldet, meldet euch bei uns. Ähm, wir unterstützen total gerne und, äh, geben euch die Kontakte oder telefonieren mit euch und, äh, unterstützen da. Also da wirklich keine falschen Hemmungen. Äh, ich bekomm jeden Tag Anrufe von Menschen, wo es gar nicht primär das Hospiz geht, sondern die einfach sagen: „Ey, ich befass mich mit dem Thema“, oder: „Ich bin grad in Not. Wir müssen irgendwie grad was entscheiden.“ Und ich hab mir gedacht, die Leute, wenn sich einer mit Tod und Sterben auskennt, na ja, dann werden's wohl die Leute im Hospiz sein. Deswegen, äh, bekommen wir dann durchaus die Anrufe und wir machen das gerne und ich glaube, ich sprech für die meisten Kolleginnen und Kollegen, äh, von den Hospizen, äh, ähm, Partnerinnen und Partner der Hospiz- und Palliativversorgung. Informiert euch.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Dann würde ich Sie gerne noch, zum Ende dieser Folge fragen, ob Sie noch einen Tipp haben, den Sie vielleicht denjenigen Studierenden mit auf den Weg geben möchten, die mitten im Studium sind oder vielleicht auch grade erst angefangen haben und jetzt so das Gefühl haben: „Oh, da ist so ‘n Riesenberg vor mir. Das kann ich gar nicht alles schaffen. Das sind so viel Prüfungen, so viel Stoff. Was mach ich denn jetzt?“

Manuel Kahl
Hab ich mir auch gedacht. Als ich angefangen habe, hab ich auch gedacht: „Boah, sind das viele.“ Und ich hab jetzt hier, äh, ihr seht es hier, meine Prüfungsleistungen und hab angefangen sozusagen step by step eins nach dem anderen abzuhaken und hab jetzt quasi eine bunt angemalte Liste mit ganz vielen Haken und Noten und Prüfungsleistungen und sehe so, ja, es ging. Einfach step by step eins nach dem anderen, äh, nicht sozusagen den großen Berg wahrnehmen, sondern, äh, das kleine Blümchen, was am Berg ist, äh, als nächste Prüfungsleistung sehen, sich das in die Hand nehmen und sagen: „Okay dich kümmer ich mich jetzt.“ Äh, und dann das nächste Blümchen und so weiter. Und dann irgendwann ist man dann auch an der Spitze mal angekommen. So wie bei mir, es dauert, kann auch mal länger dauern und ist überhaupt nicht schlimm und ich finde, die HFH bietet ganz viele Möglichkeiten, äh, auch der Unterstützung und auch sehr unkompliziert auch der Möglichkeit, ähm, das Studium auch an die eigenen Lebens- oder Berufsumstände anzupassen. Von daher, wenn man ein kurzes Fazit: Einfach machen. Fang, fang an, äh, fang irgendwo an, leg los. Ich hab auch nie gedacht, dass ich irgendwie fertig werde, äh, und, äh, man schafft's dann doch irgendwie. Also step by step, eins nach dem anderen.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Das klingt ja schon fast nach ‘nem Lebensmotto.

Manuel Kahl
Ja, es würde, ich würde sagen, ich hab gar nicht so unbedingt so ‘n Lebensmotto, äh, aber ich finde eher so, für, für mich ist eigentlich Motto gar nicht so wichtig, sondern einfach irgendwie Haltung, wie ich Menschen, äh, begegne. Und da ist so ein Motto, ähm, irgendwie neugierig bleiben. Neugierig bleiben, offen bleiben dafür und vor allem auch offen dafür sein, dass man sich selbst verändert auch über die Jahre. Das merk ich ganz deutlich auch in den letzten Jahren ganz intensiv, äh, sodass man sich verändert und davor keine Angst haben, sozusagen ich bin offen. Und was ich mir auch wünschen würde, wo ich auch selbst immer sehr stark an mir arbeite, ist auch andere Meinungen aushalten können, in den Diskurs gehen, dabei respektvoll bleiben. Ich glaub, die allermeisten wissen, glaub ich, wovon ich jetzt spreche. Also, auch grade was so die politische Landschaft betrifft. Andere Meinungen zulassen, offen miteinander sein, nicht, nicht sozusagen, seine Werte irgendwie vergessen, aber offen dafür zu bleiben, wie jemand anderes denkt und mal zu überlegen: „Okay, warum denkt die Person so?“ Und dann argumentativ zu bleiben. Und dabei kann ein Studium total helfen, wenn man dann mal auch mal mit Zahlen sich werfen kann oder mal sagen kann: „Das steht da, aber das steht da. Aber guck doch, guck dir das doch mal an, lies das doch mal.“, kann das total helfen.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Wunderbar. Das ist ein ganz tolles Schlusswort. Und, äh, dann hoffen wir einfach, dass unser Gespräch einen doppelten Mehrwert hat. Einmal in, in dem Maße, dass man vielleicht, ja, Ihre Gedanken teilt, dass so ‘n Studium schön in Etappen gut zu bewältigen ist, aber eben auch vielleicht tatsächlich jetzt aktiv wird und sagt: „Ich kümmer mich mal das Thema Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung, Organspendeausweis vielleicht noch und denke nicht, ich schieb es auf die lange Bank und ich bin noch nicht in dem Alter.“ Das würde uns freuen. Ähm, wir wünschen natürlich allen, dass sie diese Dokumente niemals brauchen, aber wenn man sie dann braucht, ist es tatsächlich natürlich gut, wenn man sie hat. Es ist für die Angehörigen gut. Deswegen, glaub ich, ist das ein ganz prima Appell von jemandem wie Ihnen, ähm, der mit diesem Thema einfach täglich umgeht.

Manuel Kahl
Ja, vorsorgen ist besser als nachsorgen.

Prof. Dr. Birgit Schroeder
Ja, genau. Das ist auch noch mal sehr, sehr gut. Ich danke Ihnen ganz, ganz herzlich für Ihre Zeit und für das Gespräch und ich bin mir sehr sicher, dass ganz viele Ihrer Gedanken auf fruchtbaren Boden fallen werden und, ähm, wünsch Ihnen einfach ganz viel Erfolg für das, was noch vor Ihnen liegt, und glaube, dass dieses Gespräch wirklich, das war ‘n bisschen anders, als wir das normalerweise führen. Ist ja auch ‘n anderes Thema gewesen. Wir wissen, es ist kein, ja, kein leichtes Thema, aber auch das gehört dazu. Und insofern find ich das ganz toll, dass Sie uns die Gelegenheit heute hier gegeben haben, auch darüber zu sprechen.

Manuel Kahl
Ja, vielen lieben Dank für die Einladung.

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