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Transkript Alumna Tina Schwibbe

Prof. Dr. Birgit Schröder
Herzlich willkommen. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge und herzlich willkommen einer neuen Gesprächspartnerin. Frau Schwibbe ist heute bei uns und ich würd Sie bitten, dass Sie sich einmal selber vorstellen.

Tina Schwibbe
Mein Name ist Tina Schwibbe. Ich bin 39 Jahre alt, bin examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, lebe in der Nähe von Dessau, arbeite in der ortsansässigen Klinik und habe jetzt im Mai mein Bachelorstudium im Pflegemanagement abgeschlossen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Genau. Und, wir wollen heute sprechen über Ihre Erfahrung im Studium, so wie wir das an der Stelle immer machen. Aber wir wollen auch die Gelegenheit nutzen, ein bisschen über das Thema Ihrer Bachelorarbeit zu sprechen. Sie haben über ein ganz aktuelles, wie ich finde, auch ganz, ganz spannendes Thema gesprochen und da nehmen wir uns auch gleich noch ein bisschen Zeit für, dass Sie uns da 'n paar Einblicke geben. Das ist auf jeden Fall 'ne gute Idee. Wenn Sie jetzt auf Ihr Studium zurückblicken, das liegt ja noch nicht so lange zurück, was verbinden Sie am allerehesten mit diesem Studium? War's mehr Anstrengung? War's Freude? War's Bereicherung? War's alles so 'n bisschen?

Tina Schwibbe
Tatsächlich von allem ein bisschen und ganz prägend bei uns im Studium die Corona-Zeit tatsächlich, ja, die alles auch etwas noch 'n bisschen anders gestaltet hat. Ich habe schon mal studiert, habe mich dann aber gegen das Studium entschlossen und das abgebrochen. Deswegen hatte ich so 'n bisschen Vergleich, was ist 'n, ähm, Vollzeitstudium und was, äh, erwartet mich dann berufsbegleitend. Aber tatsächlich war's wirklich 'ne große Herausforderung, dass man seine Mitstudenten am Anfang gar nicht wirklich persönlich kennengelernt hat, sondern wirklich nur über Kamera und sich das dann über die Zeit so 'n bisschen verändert hat. Das war tatsächlich so die prägendste Erfahrung im Studium bei uns.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Gefühlt, find ich, ist Corona schon lange her. Dabei, ne, wir haben jetzt 2026, ist eigentlich noch gar nicht so lange, aber ich glaub, wir haben das alle schon 'n Stück weit verdrängt, diese Erfahrung, ne.

Tina Schwibbe
Ja, richtig. Ist auch natürlich gut, dass die Zeit endlich überstanden ist und dass wir uns auch nicht mehr diesen ganzen Einschränkungen hingeben muss. Aber ich glaube, das Studium an der HFH hat sich dadurch auch gut verändert. Grade das Proctoring und alle Möglichkeiten, die sich dadurch neu ergeben haben, eröffnet für die Flexibilität des Studiums natürlich auch ganz neue Möglichkeiten.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, das stimmt. Also ich kann mich auch noch erinnern, als ich so die ersten Vorlesungen im März 2020 von jetzt auf gleich digital, ähm, halten musste. Das war tatsächlich 'ne große Umstellung für alle Beteiligten, ne. Also dass auch die Studierenden ein bisschen brauchten, bis man zum Zoom-Meeting beitreten konnte und bis man verstanden hat, wie das so mit Mikrofon und Technik lief. Da haben wir uns, glaube ich, alle sehr viel weiterentwickelt, ne.

Tina Schwibbe
Absolut. Ähm, auch natürlich grade die schriftlichen Ausarbeitungen waren auch 'ne ganz neue Klausurform, die es so vorher, glaube ich, auch noch gar nicht gab. Das war nicht das klassische, ähm, Wissen abfragen, sondern eher schon Wissen anwenden, ethisch vertreten. Das war tatsächlich wirklich spannend am Anfang.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, ich glaube aber, trotz allem haben wir alle da sehr von profitiert, was sozusagen diese digitale Lehre, ähm, betraf, ne. Also war alles, was, was Corona natürlich an negativen Folgen hatte und auch teilweise ja an dramatischen Auswirkungen. Aber ich glaube, wenn man jetzt nur mal diesen kleinen Bereich der Lehre und des Lernens betrachtet, da sind, glaube ich, Sachen wirklich sehr, sehr positiv vorangetrieben worden und da wären wir vermutlich heute nicht da, wo wir sind, wenn es Corona in der Form so nicht gegeben hätte, ne.
Tina Schwibbe Ja, genau. Das war für uns alle, glaube ich, 'ne spannende und prägende Phase. Auch viel Learning by Doing. Aber wie Sie schon gesagt haben, ich denk, dass das wirklich gut vorangegangen ist und dadurch wirklich noch mehr Flexibilität ermöglicht.
Prof. Dr. Birgit Schröder Wenn Sie jetzt, äh, Sie haben ja erzählt, Sie, Sie sind im Krankenhaus tätig. Wie, wie profitieren Sie denn jetzt ganz konkret von Ihrem abgeschlossenen Studium?

Tina Schwibbe
Tatsächlich hat mir das Studium das Handwerkszeug gegeben an meiner Arbeit als Stationsleitung ganz andere Skills noch anwenden zu können. Natürlich hab ich, ich hab auch schon vorher in leitender Position gearbeitet, erst als Stellvertretung, schließlich auch als Leitung. Aber durch das Studium sind ganz andere Blickwinkel entstanden. Grade das systemische Denken, das bei vielen Dozenten auch sehr im Vordergrund stand und natürlich 'n ganz anderen Blick auf die eigene Station, die eigene Arbeit ermöglicht, wenn man nicht nur diesen kleinen Teil sieht, sondern immer sieht, welche Zahnräder noch dazugehören, damit's im Gesamtkrankenhaus funktionieren kann.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und was begeistert Sie an Ihrer Arbeit jetzt auch vielleicht so vor dem, vor dem Hintergrund des abgeschlossenen Studiums?

Tina Schwibbe
Tatsächlich begeistert mich an meiner Arbeit, dass ich morgens nicht weiß, wie dieser Arbeitstag enden wird, sondern ich gehe auf Arbeit, ich weiß nicht, wie viele Notfälle auftreten werden, seien sie noch so klein, verstopfte Abflüsse, was halt auch zu meiner Arbeit als Stationsleitung gehört, das zu koordinieren und abzustimmen, oder tatsächlich auch die medizinischen Notfälle. Grade dieses Paket, dass man vor Arbeit steht. Natürlich gibt es Routineabläufe, aber trotzdem ist jeder Arbeitstag anders und gerade das finde ich wirklich faszinierend in der Arbeit als Pflege, auch in der Interaktion mit den ganzen anderen Berufsgruppen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und wenn Sie sich so 'n perfekten Arbeitstag wünschen dürften, wie würde der aussehen?

Tina Schwibbe
Der perfekte Arbeitstag wär pflegerisch, ähm, exzellent versorgte Patienten. Es gibt Zeit, äh, mit den Patienten auch ins Gespräch zu kommen, ihnen ganz andere Zuwendung zu geben. Alle Zahnräder greifen ineinander, äh, die Visiten abfolgen, die Arbeit mit den Therapeuten und der Dienstplan ist geschrieben und es sind keine Änderungen notwendig.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ich finde immer, wünschen darf man sich ja erst mal alles, ne. Wir gehen ja auch stark auf Weihnachten schon zu. Also von daher lassen wir's einfach mal dabei. Und was mich ja immer noch interessiert, ähm, jetzt, das Studium haben Sie absolviert. Gibt es irgendwas, was Sie vermisst haben oder von dem Sie sagen: „Mensch, das wär noch gut, wenn man das im Studium noch behandelt hätte, gelernt hätte, vielleicht auch inhaltlich noch untergebracht hätte"?

Tina Schwibbe
Tatsächlich in Bezug auf die Bachelorarbeit hätte ich mir ein bisschen mehr Statistik gewünscht, äh, im Studium, einfach um's in der Bachelorarbeit noch feiner anwenden zu können und grade auch die Anwendung mit bestimmten Software oder Ähnlichem, dass das vorher schon mal so 'n bisschen erprobt war. Aber generell, das Bachelor ist ja das Grundstudium dazu und es gibt einfach 'ne gute Grundlage, gutes Handwerkszeug in der Praxis damit arbeiten zu können. Was man dann hinterher danach noch erweitert, das steht ja dann jedem offen, wo man seine, ähm, Schwerpunkte vielleicht noch setzt, was einen noch mehr interessiert. Die Möglichkeit besteht ja auch nach abgeschlossenem Studium.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und, ähm, haben Sie schon überlegt, wie, wie's für Sie weitergeht? Also liebäugeln Sie vielleicht auch noch mit einem Masterstudiengang oder sagen Sie nee, Sie brauchen jetzt mal 'ne Pause?

Tina Schwibbe
Ähm, tatsächlich liebäugle ich damit, aber ich hab mich dazu noch nicht entschlossen, weil ich den Master im Pflegemanagement, der ist für mich persönlich nicht ganz so relevant, vielleicht Richtung Public Health oder Ähnliches, aber da ist noch keine Entscheidung gefallen. Aber es gibt natürlich genügend Möglichkeiten da sich noch weiterzuentwickeln.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, und ich finde, es darf auch erst mal 'ne kurze Verschnaufpause geben nach so Bachelorstudiengang. Also von daher ist das doch auch schön. Wenn Sie da einfach mal durchatmen dürfen und sagen: „Mensch, ich hab auch mal 'n Nachmittag frei oder 'n Abend, wo ich vielleicht mal was Privates mache oder vielleicht auch mal zu Themen komme, die jetzt so die Zeit im Studium bisschen, bisschen kurz gekommen sind vielleicht, ne. Vielleicht hat man ja auch mal so Themen.

Tina Schwibbe
Tatsächlich, ähm, wundert man sich nach dem Studium, wenn es dann abgeschlossen ist, die Arbeit durch ist, wo man die Zeit hergenommen hat. Also so generell sind die Tage ja trotzdem gefüllt mit allem Möglichen, aber tatsächlich fragt man sich hinterher wirklich: Wo war die Zeit das alles mit dem Studium dann auch unterzubekommen?

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, aber ich glaube, das ist das, was ich ja immer wieder unseren Absolventen sage, dass ich glaube, ähm, dass man auch wirklich stolz auf sich sein darf, wenn man das alles nebenbei geschafft hat, ne. Also es gibt Leute, die, die arbeiten nebenbei. Es gibt Leute, die arbeiten auch nebenbei sogar Vollzeit. Es gibt Menschen, die werden Eltern während des Studiums. Ähm, gibt Leute, die haben pflegebedürftige Angehörige zu versorgen. Es gibt ja ganz unterschiedliche Lebenssituationen und ich finde, jeder, der das schafft, neben diesen Herausforderungen so 'n Studium zu absolvieren, völlig egal, wie lange das dauert und völlig egal, mit welcher Note, einfach nur, dass man zum Abschluss kommt, ähm, das ist einfach was, wo man sich wirklich mal auf die Schulter klopfen darf und da darf man auch stolz auf sich sein, ne, dass man das geschafft hat. Das find ich 'n ganz wichtigen Punkt.

Tina Schwibbe
Das ist es absolut. Ich habe auch Vollzeit gearbeitet, während ich das Studium absolviert habe, habe neue Aufgaben übernommen, äh, bin mehr in die Leitung gegangen während des Studiums. Das ist alles machbar. Das ist 'ne gute Koordination und was ich ganz wichtig finde und auch für die Studenten: Jeder sollte versuchen, seinen eigenen Lernstil zu finden. Es gibt ganz viel Tipps und ganz viel Ideen, was man wie integrieren soll. Ich hatte so ganz verrückte Lernzeiten von nachts drei bis sechs, weil ich da einfach am aufnahmefähigsten vom Kopf war, wie ich feststellen konnte. Und ganz, ganz wichtig ist es, den Anfang, den Einstieg in das Studium zu nutzen seinen eigenen Stil zu finden. Weil das, was bei dem einen gut funktioniert, ist bei dem anderen genau das Falsche.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, und ich glaube, was ich auch immer ganz wichtig finde, ist, also klar seinen eigenen Weg zu finden, aber ich glaube, es ist auch wichtig, sich weniger zu vergleichen, als man das tut, ne. Also ich sehe das ganz häufig, das ist ja auch total menschlich, dass man so sehr rechts und links guckt, ne. Was hat der schon? Was hat die schon? Welche Prüfung fehlt bei dem einen und bei dem anderen noch? Was gab's da für Noten oder so. Ich glaube, es ist grade in so 'nem berufsbegleitenden Studium, was es ja letztendlich ist, ganz entscheidend, dass man anerkennt, dass jeder ja auch mit ganz unterschiedlichen Startvoraussetzungen kommt. Und da den eigenen Weg zu finden, so wie Sie sagen, find ich ganz wichtig und bei sich zu bleiben. Das find ich auch 'n ganz, ganz wichtigen Tipp, weil ich immer wieder auch in den Beratungsgesprächen wahrnehme, dass man doch sehr im Vergleich unterwegs ist.

Tina Schwibbe
Und sich vor allen Dingen auch nicht so schnell ins Boxhorn jagen zu lassen. Also jedem kann was passieren, sei es nun 'ne Schwangerschaft, die sehr erfreulich ist. Bei mir war's 'n Sprunggelenksbruch, äh, durch den ich nicht an den Klausuren dann zwischendurch teilnehmen konnte, ähm, oder auch selbst die Online-Vorlesung so lange mit Sitzen einfach nicht möglich war. Das muss man 'n Stück weit annehmen und akzeptieren, weil man ja auch die Möglichkeit hat. Ich habe auch nicht in der Regelstudienzeit studiert, sondern habe es auch verlängert, was auch gar kein Problem ist, aber der Erfolg hinterher ist das, was zählt. Und der Weg dahin ist so wertvoll und wichtig mit all den Erfahrungen, die man macht, dass man das auch, glaub ich, 'n Stück weit sehen muss.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ich hab heute tatsächlich gelesen, dass nur 30 % aller Studierenden, also über alle Studierenden an allen Hochschulen, staatlich wie privat gerechnet, in der Regelstudienzeit, ähm, den Abschluss schaffen. Und das ist ja nicht viel. Also von daher sollte man da auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn man 'n bisschen länger braucht. Und so wie Sie sagen, es kann ja 100.000 Gründe geben, warum das erforderlich ist. Das kann was Erfreuliches sein wie 'ne Schwangerschaft, das kann was ganz Unerfreuliches wie 'ne Erkrankung sein. Da gibt es ja viele Möglichkeiten und ich finde, es ist überhaupt nicht schlimm. Ich finde einfach, wenn jemand anfängt zu studieren, das ist keine Leistung. Jeder kann anfangen. Die Leistung beginnt ja da, wo jemand sagt: „Ich hab das durchgezogen, ich hab's abgeschlossen." Und da find ich, ist genau der Punkt, da trennt sich dann sozusagen die Spreu vom Weizen und da kommt's dann drauf an. Und ob das jetzt 'n Semester früher oder später ist, da fragt kein Mensch nach.

Tina Schwibbe
Genau. Und im Endeffekt ist es genau dieser Weg, der's dann einfach auch ausmacht, auf den man hinterher stolz ist, wenn man's dann abgeschlossen hat. Und ich glaube, jeder, der studiert hat, kennt Phasen oder auch die Bachelorphase war sehr prägnant, ähm, auch zu sagen, ich möchte das hier alles gar nicht mehr und ich würde gerne einfach alles zur Seite legen, aber trotzdem setzt man sich wieder ran und macht wieder weiter. Und genau dieses Aufstehen und Weitermachen, das ist was ganz, ganz Wichtiges.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und vielleicht ist es auch tatsächlich das, was man als Hochschule am Ende des Tages mit so 'nem Abschluss bescheinigt, dass jemand dieses, diese Fähigkeit hat, trotz Widrigkeiten, trotz Herausforderungen, Durststrecken und allen möglichen Hindernissen, sich immer wieder aufzuraffen und zu sagen: „Ich zieh das jetzt durch." Vielleicht ist es wirklich das, was man bescheinigt. Viel weniger, ähm, wichtig ist vielleicht tatsächlich das Inhaltliche, sondern es geht vielleicht grade diese Fähigkeit und das ist ja etwas, äh, das braucht man im Studium. Kein Studium kann ohne diese Fähigkeit erfolgreich absolviert werden. Und wenn man das dann immer wieder schafft, zu sagen: „Ach Mann, das nervt grade alles und ich hab keine Lust und ich möchte auch mal 'n freies Wochenende" und trotzdem sich ransetzt, die Bachelorarbeit weiterschreibt, ähm, und dann zum Abschluss kommt, dann darf man auch wirklich stolz auf sich sein und, ähm, das auch als großes Geschenk nehmen, was man sich selber gegenüber gemacht hat, ne. Dass man in die eigene Bildung investiert hat und so erfolgreich war, dass man eben nicht nur angefangen, sondern auch abgeschlossen hat.

Tina Schwibbe
Richtig. Und auch diese Anerkennung vor einem selbst. Natürlich gibt es auch viel Anerkennung nach außen, wenn man den Bachelor abgeschlossen hat, aber umso wichtiger ist, dass man diesen Erfolg auch selber für sich feiert.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Genau und, äh, das ist auch, glaub ich, 'n Punkt, der, wenn wir jetzt so Zuhörer haben, die nach außen, ähm, so'n bisschen unterwegs sind, am Ende des Tages mach ich das ja für mich, für mich ganz persönlich. Ich mach das nicht für meinen Arbeitgeber, nicht für meine Angehörigen, nicht für wen auch immer, sondern ich mach das für mich. Und da darf ich stolz drauf sein, da darf ich mich auch selber belohnen und man muss vielleicht auch kleinere Zwischenziele mal feiern und so Etappen wertschätzen und nicht immer zu sehr auf das große Ganze gucken, sondern eben grade, wenn man anfängt mit seinem Studium, auch das Ganze so'n bisschen in Häppchen aufteilen. Oder wie sehen Sie das?

Tina Schwibbe
Genau, absolut. Man hat auch an der HFH gut die Möglichkeit, dass man Module verschiebt, dass man zwar schon an den Modulen teilnimmt, aber die Klausur vielleicht auch ein Semester später schreibt, weil's inhaltlich Module gibt, die sich relativ ähnlichsehen, die man aufeinander aufbauen kann und wo's manchmal auch Sinn macht, dass man Klausuren direkt nacheinander schreibt. Auch die Möglichkeit hat man. Und genau das ist das, was ich auch meine mit dem Lernstil, dass jeder so'n bisschen schaut: Wie bekomme ich das für mich am besten geregelt? Wie ist mein Lerntyp? Wie liegt es mir, verschiedene Themenbereiche gut zu lernen, aber auch die Klausuren aufzuschieben oder ein Semester später zu schreiben, ist möglich. Ich kenn Studenten, die haben, äh, alle Hausarbeiten, äh, nach der eigentlichen Regelstudienzeit geschrieben. Ähm, die Klausuren zwar abgeschlossen jeweils in den Semestern, aber erst danach, ähm, die Hausarbeiten geschrieben. Und ich habe mir tatsächlich auch zwei Hausarbeiten aufgehoben, die Praktikumshausarbeit und, äh, eine weitere einfach in Vorbereitung auf die Bachelorarbeit da so'n bisschen in dieses wissenschaftliche Schreiben ganz gezielt reinzukommen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und auch das ist ein guter Weg, ne. Also ich denke, dass, äh, das, was Sie sagen, ist ganz wichtig, dass man einfach individuell für sich gucken muss, ne. Es gibt Leute, die fahren gut damit, das genauso zu machen, wie es in so 'nem Prüfungsplan vorgegeben ist. Es gibt Leute, die machen erst alle Klausuren oder finden für sich 'n anderen Weg und all das ist ja in Ordnung. Hauptsache, man kommt am Ende dahin, dass man alle Prüfungen erledigt hat und wie man das gemacht hat, in welcher Reihenfolge, ist dann oder kann dann eben auch sehr unterschiedlich sein, ne.

Tina Schwibbe
Richtig.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ich würd gerne mit Ihnen jetzt so'n bisschen über das Thema Ihrer Bachelorarbeit sprechen, und zwar vielleicht erst mal: Wie haben Sie überhaupt dieses Thema gefunden? Vielleicht nehmen Sie uns mal in den Findungsprozess schon so'n bisschen mit.

Tina Schwibbe
Das Thema meiner Bachelorarbeit war Catcalling in der Pflege und Grenzüberschreitung sowohl durch Patienten als auch durch Kollegen. Und natürlich dadurch, dass ich an der Basis gearbeitet habe, auch selber ja in drei Schichten als Gesundheits- und Krankenpflegerin gearbeitet habe, hat man in seiner Praxis und auch im Freundeskreis immer wieder Situationen, wo man, äh, ganz schockiert war, dass so was tatsächlich Pflegekräften passiert. Sehr, sehr eindrückliche Situationen, ähm, die passiert sind und die Reaktionen darauf ganz häufig in den Teams oder auch durch die Leitung. Es wird häufig weggeschaut, es wird belächelt, es wird bagatellisiert, wenn eine Schwester sich bedrängt fühlt durch einen Patienten. Ähm, ich hatte die Beispiele genannt von Patienten in meiner Arbeit zum Beispiel, dass jemand geäußert hat, hier sind die Schwestern so scharf, äh, nee, wenn die Messer hier so scharf wären wie die Schwestern. Oder auch Patienten, die übergriffig werden bei der Mobilisation, äh, den Intimbereich oder Ähnliches berühren der Pflegekräfte. Und häufig wird einfach nur weggeschaut. Und genau das, was es mit den Kollegen macht, wenn es nicht nur einmal auftritt, sondern grade, wenn es auch gehäufter auftritt, wie unzufrieden Kollegen werden, wie sie abstumpfen, wie sie in ihrem Verhalten gegenüber dieses einen Patienten werden können, aber generell auch in ihrer Versorgung, ähm, werden können. Genau das war der Grund, dieses Thema auszuwählen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und Sie haben gesagt, da wird weggeschaut. Wird da weggeschaut so von, von Vorgesetzten oder wer, wer ist da besonders gut im Wegschauen?

Tina Schwibbe
Ähm, tatsächlich Vorgesetzte oder auch im interdisziplinären Team. Ähm, häufig sind Ärzte einfach die größere Autorität im Behandlungsteam und wenn es zu Situationen kommt, dass Patienten natürlich nicht sofort entlassen werden können, wenn es schwierige Situationen gibt, aber man sich vielleicht auch hilfesuchend an die ärztlichen Kollegen wendet, die das belächeln, die, ähm, vielleicht auch noch seltsame Sprüche reißen oder auch selber den Krankenschwestern gegenüber, ähm, sehr anzügliche, ähm, Bemerkungen machen. Dann kommt man oft an einen Punkt, wo man sich fragt: Wie muss man oder wie sollte man damit jetzt umgehen auch die Pflegekräfte zu schützen, dass sie auch weiterhin ihren Beruf gut ausüben können, empathisch und auch zielgerichtet am Patienten zu arbeiten.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Aber ich würde mir ja vorstellen, korrigieren Sie mich da gerne, aber wenn ich als Patient einer Krankenschwester übergriffig werde, würde ich mir ja vorstellen, das würde ich zum Beispiel bei einer jungen Assistenzärztin wahrscheinlich dann genauso machen, oder?

Tina Schwibbe
Tatsächlich häufig nicht. Der weiße Kittel. Also es gibt Erfahrungen und es gibt auch 'ne gute Studie der Charité, dass das tatsächlich schon passieren kann. Es kommt natürlich auch viel auf den jeweiligen Typ an oder wie man auftritt am Patienten oder Ähnliches. Aber dadurch, dass die Pflegekräfte oft viel körpernäher am Patienten sind, sei es die Körperpflege, sei es die Mobilisation, die Ärzte in der Visite vielleicht auch 'n bisschen distanzierter am Bett stehen, gibt es natürlich bei den Pflegekräften viel häufiger die Möglichkeit, dass solche Situationen entstehen können.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Na, ich frag deswegen, weil ich tatsächlich als Anwältin mal so Fälle auch betreut habe, ne. Und dann, also es waren eben junge Assistenzärztinnen und die haben eben genau das gesagt, was Sie jetzt auch geschildert haben. Sie haben sich sehr alleingelassen gefühlt damit und hatten so 'n bisschen das Gefühl, dass also grade, ja, von der, von der ärztlichen Seite, also Oberarzt, Chefarzt, ja, so gar kein Verständnis oder auch nicht mal so, so 'n bisschen, ja, Sensibilität vielleicht oder Problembewusstsein da war, sondern es irgendwie so 'n bisschen abgetan wurde nach dem Motto: „Ja, stellen Sie sich mal nicht so an."

Tina Schwibbe
Genau, das ist genau dieser häufigste Spruch: „Hab dich mal nicht so, stell dich mal nicht so an. Der ist halt so. Wir wissen, wie der ist.“ Grade wenn's dann auch zwischen den Kollegen auftritt. Das sind so die typischen Reaktionen, die aber auf Dauer einfach auch krank machen können, die Unzufriedenheit schüren können, die Unsicherheiten und Ängste schüren können, bis hin zu körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, ähm, wie Depressionen schließlich sogar und dadurch den Beruf irgendwann auch unmöglich machen können. Und natürlich passiert das genauso auf der pflegerischen Seite als auf der ärztlichen Seite. Ich hab mich in meiner Arbeit mehr auf die Pflegekräfte einfach bezogen, weil's noch näher, ähm, dran war und es dazu noch mehr Studienlage so gab. Aber natürlich passiert das genauso unter den Ärztinnen. Oder dass Ärztinnen junge Assistentinnen gar nicht wahrgenommen werden als Ärztin und immer mit Schwester angesprochen werden. Das sind ja auch so Ausdrücke, wie die Hierarchie funktioniert und man, wie man wahrgenommen wird vom Patienten.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Mhm. Und wenn Sie jetzt mal losgelöst von, von Ihrer persönlichen Arbeit, wenn Sie jetzt jemandem einen Rat geben sollten, also jemand, der aus Ihrer Berufsgruppe betroffen ist, wie, wie geht man da denn sinnvollerweise mit um, wenn man jetzt so das Gefühl hat, dass grade so ärztliche Kollegen nicht die ganz große Hilfestellung bieten können oder wollen? Was macht man denn da sinnvollerweise?

Tina Schwibbe
Tatsächlich sinnvollerweise gibt es immer mehr, ähm, neutrale Stellen, an die man sich wenden kann, Gleichstellungsbeauftragte oder Vertrauenspersonen jeweils in den Kliniken, an die man sich wenden kann. Häufig gibt es ja auch direkte Vertrauenspersonen, die man im Team hat, dass man überhaupt erst mal mit jemandem reden kann und je nach Vorfall dann auch weitere Schritte einzuleiten. Und auch wenn es am Anfang schwierig zu erscheinen mag, ich glaube, wir haben mittlerweile 'ne gute Riege von jüngeren, ähm, Führungskräften auch, die deutlich sensibler mit dem Thema umgehen. Und ich denke, mit jedem Vorfall, der wirklich auch laut angesprochen wird und zur Verfolgung kommt, dass es denjenigen hilft, die sich bisher nicht getraut haben, da irgendeinen Weg zu gehen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Aber dann entnehme ich Ihren Worten eine gewisse Zuversicht, dass man da auch 'ne Chance hat, dass sich das in Zukunft noch 'n bisschen verändern kann, das Ganze.

Tina Schwibbe
Tatsächlich. Also ich hab auch in meiner selber, in meiner beruflichen Praxis erlebt, dass sich das Ganze verändert und dass sich auch die gesamte Kultur dagegen, ähm, komplett ändert. Die Hierarchie in Krankenhäusern verändert sich. Dieses der Chefarzt, äh, kommt, wir legen das Spitzendeckchen auf den Tisch und die Kaffeetasse für die Chefarztvisite. Solche Sachen ändern sich heutzutage. Es ist viel mehr auf Augenhöhe häufig in den Teams. Je nach Fachrichtung noch so 'n bisschen unterschiedlicher, aber es passieren viel, viel mehr Dinger auf Augenhöhe und genau diesen Schwung muss man auch mitnehmen, das auch in andere Richtungen zu bringen und neue Kulturen zu schaffen, in dem einfach alle Beteiligten besser arbeiten können.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Aber das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, es ist dann auch tatsächlich so 'n bisschen 'ne Generationenfrage, ne, was so die Sensibilität für das Thema betrifft, oder?

Tina Schwibbe
Tatsächlich. Also grade so der Generationskonflikt ist ganz oft dieses: „Jetzt hab dich mal nicht so. Das war bei uns früher auch so.“ Ähm, genau das ist es ja, was es nicht macht. Die neuen Generationen sprechen Probleme eher an, auch die, die psychischen, psychische Belastungen, die entstehen, werden häufiger angesprochen, als das noch in den älteren Generationen ist. Was natürlich auch wieder zu neuen Herausforderungen führt, dass man aktiver darauf reagieren muss, weil man auch aktiv natürlich davon erfährt. Aber was im Team 'n ganz neuen Schwung geben kann, damit umzugehen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, und ich glaube, grade solche Arbeiten, wie Sie sie jetzt geschrieben haben, sind ja einfach auch 'n toller Beitrag dann auch für 'ne, für 'ne eher wissenschaftliche Diskussion, ne, wo man eben guckt: Was gibt es für Studien? Was gibt es für Erkenntnisse? Das dann auch so 'n bisschen in die, in die Breite zu tragen einfach, ne.

Tina Schwibbe
Tatsächlich ist die Studienlage in Deutschland bisher auch wirklich mau. Ich habe viele internationale Studien mir angeschaut und umso erschreckender fand ich eigentlich den Effekt, dass es überall die gleichen Probleme gibt. Sei es in Indonesien, sei es in den USA, sei es in Australien. Pflegekräfte berichten in allen Kulturkreisen von den Problemen, auch unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Ähnlichem, sondern es ist wirklich ein weltweites Problem, was jetzt immer mehr in den Fokus gerät.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Haben Sie schon mal, ähm, 'ne Situation erlebt, wo tatsächlich die Frage im Raum stand, ähm, einen Patienten dann auch nicht mehr weiter zu behandeln? Also wo man wirklich gesagt hat, da ist jetzt so 'ne, so 'ne rote Linie oder so 'ne Grenze überschritten worden, wo eben auch ein Krankenhaus, also ein, ein Haus, ein Träger sagt: „Nee, also das tolerieren wir jetzt nicht." Und da ist es jetzt auch nicht damit getan, dass man jemanden noch mal und noch mal anspricht, sondern da ist jetzt wirklich mal wie so 'ne, wie so 'n Stoppschild.

Tina Schwibbe
Tatsächlich ja, aber nicht, ähm, durch eine sexuelle Grenzüberschreitung, sondern eine rassistische Grenzüberschreitung gegenüber einer französischen Kollegin, die, ähm, wunderbares Deutsch gesprochen hat, was auch eigentlich in dem Fall komplett nebensächlich ist, die aber wirklich ganz, ganz wüst von einem Patienten beschimpft worden ist und daraufhin aber tatsächlich auch die Unterstützung der Chefärztin da war und wir sehr nah am Behandlungsende waren, die letzte Diagnostik sehr schnell durchführen konnten und so den Patienten wirklich sehr zeitnah dann entlassen konnten. Also kein typischer Rausschmiss, sondern wir haben die Behandlung forcierter beenden können und damit dann, ähm, den Patienten entlassen können die Kollegin einfach zu schützen, weil's einfach nicht mehr zulässig so war.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Na, ich frag mich ja immer, wenn man jetzt so Krankenhausträger ist und man, man hat so 'ne Situation, dass man ja vielleicht dann auch in so 'nem, in so 'nem Loyalitätskonflikt gefühlt so 'n bisschen ist, ne. Auf der einen Seite will man und muss man den Patienten versorgen und dahinter steht natürlich auch immer das Thema Abrechnung, ne. Also dann hat man vielleicht auch irgendwie Sorge vor negativer Presse, wenn man jemandem jetzt dann wirklich mal sagt: „So bis hierhin und nicht weiter." Und auf der anderen Seite hat man natürlich 'ne Fürsorgepflicht für jeden einzelnen Mitarbeiter, der, äh, dessen Gesundheit genauso wichtig ist wie, wie die des Patienten natürlich und langfristig gedacht auch noch, äh, sehr viel wichtiger vermutlich, ne. Also von daher ist das ja auch wirklich 'n Thema, wo man auch als Institution Krankenhaus auf Trägerseite sich wirklich mal sehr konkret Gedanken machen muss: Ähm, wie will ich in solchen Situationen agieren? Gibt es irgendwie 'n, 'ne Prozessbeschreibung? Gibt es irgend 'n standardisiertes Vorgehen? Gibt es solche, solche Ideen schon, sich damit so konkret auseinanderzusetzen?

Tina Schwibbe
Tatsächlich Ideen dazu gibt es. 'Ne komplette Prozessbeschreibung gibt's dazu noch nicht, aber die erste Reaktion, die man im, äh, Team zum Beispiel bei uns durchführen würde, dass man die Versorgung ändert, dass man andere Kollegen, ähm, in diesen Bereich schickt, äh, die noch kein schlechtes Erlebnis mit dem Patienten hatten. Denn meistens entstehen solche Vorfälle auch nur gegenüber, also entstehen Vorfälle sehr gezielt und spezifisch, sodass man mit einem Wechsel der Versorgenden, äh, manchmal schon ordentlich Druck rausnehmen kann, sowohl für denjenigen, dem der Vorfall widerfahren ist ihn zu schützen und auch, äh, wertzuschätzen, zu respektieren, dass etwas passiert ist, aber natürlich auch den Patienten weiter zu versorgen. Weil wir befinden uns nicht im Wellnesshotel, wo der Patient sich einbucht und man, äh, das Hausrecht walten lassen kann, weil der Patient entlassen werden kann, sondern die Patienten sind aufgrund einer Situation bei uns im Krankenhaus, die behandlungsbedürftig ist und genauso sollte das dann auch sein.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, auf jeden Fall ein sehr, sehr spannendes Thema, was Sie sich da ausgesagt haben und, äh, glaub ich auch eins, was uns in Zukunft vermutlich noch viel stärker beschäftigen wird, wenn wir uns angucken, was der Fachkräftemangel letztlich dann auch bedeutet, äh, glaub ich, müssen wir da noch sehr viel sensibler sein, ne.

Tina Schwibbe
Richtig, absolut. Und gerade auch, äh, in multikulturellen Teams, die Generationen verändern sich, die Teamstruktur wird ganz anders und so werden natürlich auch Probleme sichtbar, die es vielleicht bis dato noch nicht in diesem Ausmaß gab.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, und ich glaube, dazu kommt auch ganz konkret: Man möchte natürlich auch jeden Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin halten, weil man ganz genau weiß, wie schwer das ist, offene Stellen nachzubesetzen. Ähm, also auch aus ganz, ich sag jetzt mal, wirtschaftlich egoistischen, äh, Motiven, ähm, glaub ich, ist doch jeder, äh, in diesem Bereich auch gut beraten, dem Thema die Beachtung zu schenken, die es, die es braucht und die es verdient an der Stelle, ne.

Tina Schwibbe
Absolut. Grade im Pflegesektor, in dem es nicht die große Schwierigkeit ist, auch relativ zeitnah einen neuen Job wieder zu finden häufig, ob der dann den Vorstellungen entspricht oder nicht, sei erst mal dahingestellt. Aber natürlich gibt es da viele Headhunter, die unterwegs sind, die auch gezielt Personal versuchen abzuwerben, manchmal auch mit interessanten Tricks, Kollegen abzuwerben. Ähm, es ist natürlich umso wichtiger, die Kollegen zu wertschätzen und ihnen, äh, und sie langfristig an das Unternehmen zu binden.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, also ich glaube, ein, ein großes Thema, ne, nicht nur für Ihre Berufsgruppe, sondern eben auch für so, äh, Abteilungen wie HR in so 'nem Unternehmen und, und viele andere, die da 'ne, 'ne große Rolle spielen. Und ich denke auch ein Thema tatsächlich für die Ärzteschaft, ne. Denn so wie Sie sagen, ähm, mag es ja durchaus immer noch Leute geben, die die Ärztinnen anders gegenübertreten als Pflegekräften. Ähm, und auch da muss ja dann letztlich 'n Sinneswandel stattfinden, dass man eben sagt, ne: „Das ist ein Behandlungsteam, äh, jeder hat seine Rolle, jeder wird gebraucht, jeder hat seine Berechtigung natürlich auch." Und wenn es Patienten gibt, die das nicht anerkennen, sondern da offensichtlich 'n Unterschied machen in der Wertigkeit in Anführungsstrichen und glauben, man könne die einen anders behandeln als die, als die andere Berufsgruppe, dann glaub ich, ist das auch was, was 'ner klaren Ansprache dann bedarf, ne.

Tina Schwibbe
Richtig, absolut. Und umso wichtiger ist es auch, dass das Behandlungsteam gut funktioniert genau solche Situationen auch abzufangen. Denn wenn im Endeffekt alle die gleiche Sprache sprechen und 'ne Nulltoleranz auch ausstrahlen, umso leichter wird es, den Patienten dann auch zu begegnen oder den Situationen. Es entsteht ja genauso auch unter den Mitarbeitenden.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Vielleicht noch eine Frage dazu, jetzt so aus Interesse: Sind Patienten, wenn man sie auf so was anspricht, sind die einsichtig? Also verstehen die das Problem oder ist das eher was, was in deren Vorstellungswelt dann gar kein Problem ist?

Tina Schwibbe
Da kommt es sicherlich auf den Patienten ganz individuell an. Grade wenn wir an demente Patienten denken, dann muss man dieses herausfordernde Verhalten auch ganz anders angehen, weil klare Ansagen in dem Fall häufig einfach gar nichts mehr bringen aufgrund der akut, also aufgrund des Erkrankungsmusters. Aber natürlich orientierte Patienten, die, äh, andere Wege einschlagen, die sind oft sehr schockiert, wenn man's dann direkt anspricht. Tatsächlich reicht das oft schon aus, 'ne klare Kante zu setzen oder das dann auch in der Visite zu thematisieren, wenn mehr Kollegen anwesend sind. Das reicht oft schon aus dann zu deeskalieren.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, dann, ähm, hoffen wir einfach mal, dass, äh, Ihre Arbeit und, äh, das Thema, was Sie jetzt so aufgegriffen haben, dass das zukünftig noch viel mehr beleuchtet wird, auch wissenschaftlich. Dass wir da vielleicht auch noch auf 'ne bisschen andere Datengrundlage so zurückgreifen können und dass man sich damit einfach 'n bisschen intensiver beschäftigt. Weil ich glaube, wenn wir auch so uns angucken, äh, wie Gewalt ja gegen Pflegekräfte, aber auch gegen Ärzte, gegen Rettungspersonal, aber auch gegen Polizei beispielsweise zunimmt, dann ist das ja schon auch so 'n, so 'n allgemeiner Trend, ähm, den wir in vielen Bereichen auch außerhalb des Gesundheitswesens beobachten, ne.

Tina Schwibbe
Genau, umso wichtiger ist es auch, die Prozessstrukturen zu errichten, wie Deeskalationsmanagement oder Ähnliches, damit einfach sowohl Patienten als natürlich auch die Mitarbeitenden zu schützen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, und ich glaube, wir sind ja vermutlich erst ganz am Anfang, ne. Also ich kann mich erinnern, ich hab als Anwältin vor zehn Jahren das erste Mal für ein Krankenhaus Mitarbeiter in der Notaufnahme vertreten, die dort Opfer von Gewaltvorwürfen, ähm, geworden sind. Und es war immer ein bestimmtes Muster: Der Patient kam in die Notaufnahme, irgendwas lief nicht so, wie er wollte, sei es jetzt 'ne gefühlte zu lange Wartezeit oder was auch immer. Und dann, äh, eskalierte es regelmäßig und dann bekamen diese Mitarbeiter entweder 'ne Anzeige, 'ne Strafanzeige wegen Beleidigung, Körperverletzung, was auch immer, oder sie wurden direkt tätlich angegriffen.

Tina Schwibbe
Mhm.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Und, ähm, das ist so etwas, was ich so aus dem anwaltlichen Bereich seit zehn Jahren ganz massiv sehe und eigentlich wird es jedes Jahr auch anzahlmäßig mehr.

Tina Schwibbe
Mhm. Die Vorfälle werden deutlich mehr und auch die Ausbrüche der Patienten, ähm, die sich schlecht behandelt fühlen, die, ähm, einfach andere Erwartungen setzen als das, was wir manchmal auch umsetzen können. Auch aus, nicht nur aus meiner persönlichen Erfahrung, sondern man hat ja auch immer 'n größeres Netz. Das hört man auch aus ganz anderen Kliniken, aus ganz anderen Settings, ob das nun ein kleines Wald- und Wiesenkrankenhaus ist oder eine große Uniklinik ist. Tatsächlich werden von den Vorfällen immer mehr berichtet und natürlich auch, wie Sie sagen, im Rettungsdienst.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ist spannend, find ich, ähm, was, was da mit uns auch als Gesellschaft passiert, ne. Wenn wir die angreifen, die uns eigentlich dann zur Verfügung stehen sollen, wenn wir's am dringendsten brauchen. Ähm, das find ich schon 'ne, schon 'ne interessante Entwicklung tatsächlich, ne.

Tina Schwibbe
Wenn wir dahin kommen, dass Rettungskräfte angezeigt werden, weil sie eine Ausfahrt versperren, während sie grade im Rettungseinsatz sind und grade reanimieren, dann sollte man sich in der Gesellschaft wirklich ganz große Fragen stellen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, aber tatsächlich ist das ja die Realität. Ähm, das kann und muss man bedauern, keine Frage, aber es ist ja tatsächlich so, ne. Und, ähm, es gibt ja unzählige Beispiele, wie, welche, welche absurden Fälle es da mittlerweile auch gibt. Und man fragt sich immer so 'n bisschen, was bei den Leuten für 'ne Erwartungshaltung da ist, äh, woher die kommt und wie wenig eigene Reflexionsfähigkeit dann auch vorhanden ist, ne.

Tina Schwibbe
Die Frage ist dann immer: Ist die Reflexionsfähigkeit überhaupt in dem Moment gewährleistet? Kann der Patient das überhaupt reflektieren aufgrund seiner Erkrankung? Ähm, gibt es grade kognitive Ausnahmesituationen, die es ihm gar nicht möglich machen? Oder ist es vielleicht tatsächlich sogar seine Grundeinstellung, was dann noch viel dramatischer eigentlich ist?

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, ich glaub, wir sprechen ja jetzt nicht von, von dementen Patienten, die, die das kognitiv einfach nicht, nicht gut einschätzen können, ne, oder gar nicht mehr einschätzen können, sondern wir sprechen jetzt ja, glaub ich, wirklich von den Leuten, die 'ne gewisse Erwartungshaltung haben, die nicht erfüllt wird und die dann entweder verbal austicken oder auch dann, äh, Leute tätlich angreifen, ne. Und da gibt's ja genug, genug Beispiele jeden Tag.

Tina Schwibbe
Absolut. Ich glaube, grade die verbalen Beleidigungen, das ist wirklich mittlerweile tägliches Brot in der Arbeit geworden. Die körperlichen Angriffe, die tätlichen Angriffe, die stehen denen schon nach hinten nach. Aber natürlich, die Zahlen belegen das, dass es jedes Jahr da auch 'ne deutliche Zunahme gibt. Grade auch in diesen Akutbereichen wie Notaufnahme, wie Rettungsdienst, die so die erste Front, die erste, ähm, die, der erste Puffer sind, wo die Patienten ankommen und auch viel erst mal auffangen müssen von den Patienten. Grade das sind die Bereiche, die da wirklich sehr, sehr gefährdet sind.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, insofern, ähm, muss man, glaub ich, auch dieses Thema sehr kritisch im Auge behalten und begleiten und tatsächlich auch immer wieder hinterfragen, wie weit die Toleranz auch so als Gesellschaft dann geht und was wir eigentlich dafür tun, die zu schützen, die eben so wie Sie sagen, ne, an vorderster Front, ähm, dann das abfangen müssen. Das ist ja häufig 'n Ventil, ne. Da ist ja irgendwas anderes im, im Hintergrund, was dann, was dann sozusagen zu so 'nem Verhalten führt. Aber ich glaube, so wie Sie sagen, ne, da auch 'ne klare Kante zu zeigen und zu sagen: „So bis hierhin und nicht weiter.“ Das ist eben in vielen Bereichen, glaub ich, ganz, ganz wichtig. Und ich meine, wenn man mal zurückblickt, vor 15 Jahren hatten die wenigsten Kliniken einen Sicherheitsdienst. Heute kenn ich kein Krankenhaus ohne Sicherheitsdienst mehr-

Tina Schwibbe
Richtig.

Prof. Dr. Birgit Schröder
in der Notaufnahme.

Tina Schwibbe
Und ich denke auch, dass die Einsatzhäufigkeit der Sicherheitsdienste in dieser Zeit, in diesen 15 Jahren auch deutlich zugenommen hat.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Mit Sicherheit. Ja, mit Sicherheit. Na ja, und ich hatte jetzt tatsächlich auch 'ne Klinik, die, die haben jetzt alle Mitarbeiter mit Bodycams ausgestattet in der Notaufnahme. Und zwar alle Berufsgruppen, also alle, die dort laufen, laufen mit Bodycam, äh, mit der Möglichkeit, wenn was passiert, dass dann eben... Die sind nicht, nicht scharf geschaltet, aber sie haben eben die Möglichkeit, wenn was droht zu eskalieren, das dann eben entsprechend aufzuzeichnen dann zumindest Beweismaterial zu haben. Löst das Problem natürlich überhaupt nicht, aber erleichtert dann vielleicht die Sanktion.

Tina Schwibbe
Gibt 'n bisschen Schutz auch den Mitarbeitern.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, und, und sei es auch nur gefühlt, ne. Also vielleicht lässt sich der ein oder andere davon abschrecken, weiß man immer nicht, aber zumindest, glaub ich, gibt es 'n bisschen, also das Bewusstsein, dass man, wenn was passiert, das dann zumindest gut dokumentieren kann und nicht noch so 'ne blöde Situation hat, dass dann irgendwie Aussage gegen Aussage steht, ne.

Tina Schwibbe
Richtig. Genau.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, das fand ich sehr, sehr spannend und, ähm, ich würd Sie gerne am Ende noch fragen, weil Ihr Studium ja jetzt noch nicht so lange abgeschlossen ist, ähm, gibt es irgendwas, was Sie Studierenden mit auf den Weg geben möchten, die vielleicht grade so 'n bisschen, ja, unsicher sind, verzweifelt sind, vielleicht auch so 'n bisschen gefrustet sind, weil's grade nicht so läuft, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Tina Schwibbe
Ganz wichtig: Nicht die Einzelnote macht nachher den Bachelorschnitt aus und im Endeffekt ist es nachher auch nicht der Bachelordurchschnitt, sondern wirklich der Abschluss, den man geschafft hat. Und der Weg kann steinig sein, aber sobald man über den nächsten Stein drüber geklettert ist, die nächste Klausur und sei es auch mit einem grade so bestanden, auch das ist wieder etwas, was man hinter sich lassen kann und relativ schnell abschütteln kann. Und der Weg lohnt sich, ähm, auch weiterzugehen, die Erfahrung aus dem Studium mitzunehmen, in den Alltag einfließen zu lassen und das ist es absolut wert, diese Strapazen auch durchzustehen.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, das ist doch wunderbar. Haben Sie 'n ganz persönliches Lebensmotto, das Sie noch teilen mögen zum Abschluss?

Tina Schwibbe
Tatsächlich ist es mir ganz wichtig, dass ich meine Kollegen und Mitarbeitenden weiterentwickeln kann, ihre Stärken fördern kann und nicht mich selbst zu wichtig zu nehmen. Nicht ich bin die Führungskraft und stehe im Mittelpunkt, sondern mir ist es ganz wichtig, 'n Team mich drumherum zu bilden und gemeinsam zu fungieren.

Prof. Dr. Birgit Schröder
Ja, das ist doch ein wunderbares Schlusswort. Frau Schwibbe, ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich heute Abend die Zeit genommen haben. Ähm, Sie hätten ja auch was anderes machen können. Insofern ist es ganz toll, dass wir gesprochen haben. Ich wünsch Ihnen alles Gute weiterhin auf Ihrem Weg, wohin er Sie auch immer führen wird. Ähm, vielleicht wird's 'n Master, vielleicht auch nicht. Beides ist, denk ich, völlig, völlig legitim. Ich hab viel gelernt, nehm viel für mich mit und, ähm, wünsch Ihnen an der Stelle schon mal einen schönen Abend und sag ganz lieben Dank für das Gespräch.

Tina Schwibbe
Vielen, vielen Dank für die Möglichkeit und das Gespräch und noch 'n schönen Abend.

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