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Transkript Podcast HFH Hören Female Longevity Teil 1

(C. Lesniewski) Herzlich willkommen zu einer neuen Podcastfolge der Hamburger Fernhochschule. Mein Name ist Chantal Lesniewski und ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hamburger Fernhochschule im Fachbereich Gesundheit und Pflege. Und in unserer neuen heutigen Folge sprechen wir über Langlebigkeit bei Frauen, häufig auch als vielmehr Female Longevity bezeichnet. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie Frauen möglichst lange leben können, sondern vor allem darum, wie es gelingen kann, möglichst lange gesund, leistungsfähig und mit einer guten Lebensqualität zu leben. Und dazu begrüße ich heute ganz, ganz herzlich Frau Dr. Viyan Sido. Sie ist Fachärztin für Herzchirurgie und Allgemeinmedizin und bekannt wurde sie unter anderem durch ihre Arbeit in einer der ersten spezialisierten Frauensprechstunden für geschlechtersensible Medizin, in der sie Frauen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch in der Menopause betreut hat. Diese Erfahrung haben ihren Blick auf Prävention, auf die Frauengesundheit und auf das gesunde Altern maßgeblich geprägt. Und ja, in ihrem neuen Buch welches jetzt im August herauskommen wird. Und zwar die Longevity Strategie für Frauen zeigt sie, warum Frauen anders altern und was sie selbst für ihre langfristige Gesundheit tun können? Ja, liebe Viyan herzlich willkommen, ich freue mich sehr, dass du heute bei uns bist.

(Viyan Sido) Guten Morgen, Chantal, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich auch.

(C. Lesniewski) Ich würde auch direkt einfach mit der ersten Frage beginnen, und zwar mich interessiert brennend, wie du zu deinem Schwerpunkt Prävention und Langlebigkeit bei Frauen gekommen bist. Gibt es so Momente oder vielleicht auch Erfahrungen, die dich besonders geprägt haben?

(Viyan Sido) Ja, würde ich schon sagen. Also ich bin ja eigentlich Herzchirurgin und ich habe in der Herzchirurgie in der Vergangenheit immer sehr viele Erkrankungen erst im Endstadium gesehen. Und dann habe ich mich natürlich irgendwann gefragt, warum wir immer erst so spät behandeln. Und gleichzeitig habe ich aber auch erkannt, dass die Präventionsmedizin häufig nicht ausreichend geschlechtsspezifisch ist. Wir haben nun mal als Frauen andere Lebensphasen, andere Risikoprofile und hormonelle Veränderungen. Und das war für mich so ein Auslöser, dieses Buch zu schreiben. Und deshalb war es auch wichtig für mich, dass speziell für Frauen zu schreiben.

(C. Lesniewski) Genau das finde ich so super. Das würde mich auch direkt zu meiner zweiten Frage bringen. Du hast ja gesagt, dass du viele Frauen auch gerade so am Lebensende natürlich in der Herzchirurgie bei dir hattest. Und ich habe gelesen, dass Frauen im Schnitt länger leben als Männer. Und da frage ich mich tatsächlich, wie wichtig dieses Thema Langlebigkeit bei Frauen aktuell generell ist. Ich habe das Gefühl, dass das sehr präsent ist. Ich höre es sehr häufig.

(Viyan Sido) Wir Frauen leben länger. Also einen Vorteil haben wir schon mal. Wir überleben sozusagen die Männer. Die Lebenserwartung bei uns ist aktuell bei ungefähr 84 Jahren. Bei den Männern nur 79 Jahren. Aber ein längeres Leben heißt jetzt nicht automatisch, dass wir auch ein längeres, gesundes Leben haben. Und deshalb ist es auch so wichtig, sich mehr über den sogenannten Health span zu unterhalten. Das heißt, das ist die Lebensspanne, in der wir wirklich gesund sind. Also man unterscheidet hier zwischen dem Life span. Das heißt, wie alt werden wir überhaupt? Wie lange leben wir? Und dann gibt es da noch den sogenannten Health Span. Also wie lange sind die Jahre eigentlich, in denen es uns gut geht? Und es gibt schon WHO-Daten, die zeigen Frauen verbringen weltweit zwar deutlich mehr mehr Lebensjahre, aber eben mit Einschränkungen. Genau.

(C. Lesniewski) Und wenn ich jetzt so auf Social Media aktiv bin, dann lese ich sehr häufig über Longevity aktuell. Also ich habe das Gefühl, dass sehr viele Themen sich darauf beziehen. Gibt es denn, ja, also ist das eigentlich ein Hype oder wird das irgendwie wieder vergehen? Oder glaubst du, das wird länger präsent sein?

(Viyan Sido) Hm, also ich würde schon sagen, dass der Begriff gerade ein riesiger Hype ist. Ich glaube die Wissenschaft dahinter aber eher nicht, denn wir wissen, Altern ist ein wichtiger Risikofaktor für viele chronische Erkrankungen und wir können da auch sehr viel durch unseren Lebensstil modifizieren. Und darum geht es eigentlich. Was können wir tun, damit wir länger gesund bleiben? Und ja, das sollte kein Hype sein, sondern das sollte uns natürlich unser Leben lang beschäftigen. Ich glaube, hier muss man wirklich unterscheiden. Dieser Begriff ist gerade sehr im Trend.

(C. Lesniewski) Ja, danke. Das bestätigt meine mein Empfinden, was ich so hatte. Okay. Und könntest du mir sagen, welche Rolle spielt Bildung dann bei Frauen in dem Bezug?

(Viyan Sido) Bildung ist schon wichtiger sozialer Determinanten von Gesundheit, das wissen wir heute. Und es gibt eben auch diesen Zusammenhang zwischen höherer Bildung und einem besseren Gesundheits outcome. Das ist inzwischen sehr gut beschrieben, denn die Gesundheitskompetenz, die wir alle haben, die beeinflusst natürlich auch unser Präventionsverhalten, auch die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und auch unseren Umgang mit Risikofaktoren. Es ist aber so, wir können jetzt nicht sagen, dass alle gut gebildeten oder gut ausgebildeten Frauen keine Demenz kriegen, denn das hat natürlich auch noch viele andere Ursachen als nur als nur unsere Gesundheitskompetenz. Da spielen natürlich auch Blutdruck, die kognitive Reserve, unser Hörverlust, vielleicht aber auch die körperliche Aktivität eine große Rolle. Und deshalb ist in diesem Zusammenhang auch der Begriff health literacy ganz richtig, weil Prävention eigentlich nur dann funktionieren kann, wenn Menschen verstehen, was sie selbst beeinflussen können. Und ich glaube, das ist auch etwas ganz Wichtiges in diesem Zusammenhang.

(C. Lesniewski) Vielen Dank. Und ich habe mir natürlich im Vorfeld auch mal versucht, ein bisschen schlau zu machen über das Thema und ich würde gerne noch nachvollziehen können, ob es kulturelle Unterschiede gibt. Und zwar habe ich von den blauen Zonen gehört, darüber habe ich gelesen. Die sind ja von Dan Bodner erforscht worden. Das sind Orte, an denen Menschen überdurchschnittlich alt werden, sogar teils oft über 100 Jahre und dabei bis ins hohe Alter gesund und vital bleiben. In Japan zum Beispiel, in der Stadt Okinawa, ist das so, oder auch auf der griechischen Insel Ikaria. Und da leben Frauen und Männer besonders lange. Was können wir daraus lernen? Was denkst du als Ärztin? Was können wir von den Menschen mitnehmen?

(Viyan Sido) Also du hast es ja schon richtig angedeutet es sind Zonen auf der Welt, in denen die Menschen überdurchschnittlich alt werden. Also wirklich 100 Jahre und älter. Aber man muss das Ganze natürlich auch so ein bisschen kritisch hinterfragen. Das habe ich auch in meinem Buch so beschrieben, denn die Konzepte sind teilweise umstritten. Wir sollten versuchen, das Ganze vielleicht nicht nur zu romantisieren. Interessant ist aber auf jeden Fall zu beobachten, die immer wiederkehrenden Lebensstilfaktoren dieser Menschen. Also da gibt es natürliche Alltagsbewegungen. Diese Menschen gehen zum Beispiel nicht unter Druck in ein Gym, so wie wir das hier machen. Sie ernähren sich überwiegend von wenig verarbeiteten Lebensmitteln. Die meisten sind dann auch wirklich pflanzlich und meistens auch selbst angebaut. Die soziale Einbindung, das ist ein ganz großes Thema, aber auch der sogenannte Purpose. Diese Menschen haben regelmäßige Routinen und ich glaube insgesamt auch viel weniger Stress als bei uns. Und wichtig ist hier eben einfach zu wissen Gesundheit entsteht nicht beim Arzt, sondern in unserem Alltag. Und das zeigen eben diese Blue Zones. Und deshalb können wir uns da schon ein Vorbild dran nehmen.

(C. Lesniewski) Ja, das finde ich interessant. Du hast es gerade tatsächlich schon erwähnt und ich habe einen Bericht in der Zeit gelesen. Die haben darüber berichtet, dass der Sinn im Leben die Lebensdauer erhöhen kann. Nicht in dem Sinne wie eine Wunderpille für die Psyche, sondern mit wirklich messbaren körperlichen Effekten. Kannst du mir sagen, was wir darüber heute wissen?

(Viyan Sido) Ja, das ist natürlich auch ein ganz spannendes Thema. Unser Purpose im Leben und das wird aktuell zunehmend wissenschaftlich untersucht. Es ist auf jeden Fall super interessant. Wir können aber nicht einfach behaupten, dass der Lebenssinn jetzt eine Therapie ist für eine Krankheit, sondern ich würde das auf jeden Fall multifaktoriell betrachten. Es ist auch multifaktoriell geprägt. Das heißt, wenn wir einen Lebenssinn haben oder einen Grund, morgens aufzustehen, dann sorgt das natürlich für eine ausgeglichene Stressregulation. Wir fühlen uns vielleicht in unseren Netzwerken sozial eingebunden. Die Bewegung steigt plötzlich, weil wir uns viel mehr bewegen. Und ich glaube, wenn es um den Purpose geht, dann brauchen Menschen eben nicht nur Informationen zum Thema Gesundheit, sondern sie brauchen vor allem einen Grund. Warum sollen sie gesund leben? Warum sollen sie gerade etwas tun? Und wofür möchte ich länger leben? Und deshalb sage ich meinen Patientinnen auch nicht, sie müssen jetzt mehr Sport machen. Sondern Wie wäre es, wenn Sie jetzt mehr Sport machen? Dann können Sie in Ihrem Leben länger reisen. Also Sie brauchen noch immer dieses Warum sollte ich das machen? Und ich glaube, dann ist die Compliance auch viel größer.

(C. Lesniewski) Vielen Dank. Apropos Prävention. Jetzt sind wir ja schon in das Thema reingegangen. Ich würde da einfach noch ein bisschen vertieft nachfragen. Und zwar, wenn eine Frau heute anfängt, das, was du gerade gesagt hat, sich dann mit Prävention zu beschäftigen, wo sollte sie denn genau ansetzen? Gibt es vielleicht so drei konkrete Hebel, die so den größten Unterschied machen? Was denkst du?

(Viyan Sido) Ja, also ich habe in meinem Buch ja sieben Säulen beschrieben und ich finde es wirklich immer schwierig, wenn ich nach drei konkreten Hebeln gefragt werde, weil ich glaube, es geht hier gar nicht um einen Hebel oder zwei Hebel oder drei Hebel, sondern es geht um dieses Zusammenspiel aller Säulen und Hebel zusammen. Aber ich finde zum Beispiel ganz wichtig in meinem Fall jetzt war Schlafen total großer Game Changer. Also. Wir sollten Schlaf nicht als Luxus betrachten. Schlaf ist wirklich ein ganz wichtiger Aspekt. Gerade wenn es um Prävention und Langlebigkeit geht. Aber auch für unsere allgemeine Gesundheit. Es ist einfach zu relevant für unseren Stoffwechsel, für unser Immunsystem, aber auch für die kognitive Funktion, wenn man sich mal vor Augen hält, was eigentlich im Schlaf passiert, also unsere hormonelle Regulation. Emotionen werden verarbeitet, Erinnerungen werden gespeichert. Also da passiert einfach so viel im Schlaf. Also ich bereue wirklich die Stunden, die ich in meinem Leben nicht geschlafen habe. Denn früher als Herzchirurgin habe ich auch mal Nächte von fünf Stunden gehabt. Ja, und das wirklich über einen Zeitraum von über acht bis zehn Jahren. Jede Nacht nur fünf Stunden Schlaf, weil ich dachte, ich bin jung und Schlaf kann ich irgendwann nachholen.

(C. Lesniewski) Kennst du den Spruch Schlafen kannst du, wenn du tot bist?

(Viyan Sido) Genau das war damals im Krankenhaus auch häufig so, das habe ich irgendwie auch gelernt. Und ich dachte irgendwie immer höher, immer schneller, immer weiter schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Ja.

(C. Lesniewski) Gut, dass wir uns darüber schon mal Gedanken gemacht haben.

(Viyan Sido) Ansonsten glaube ich, Bewegung ist auch noch super wichtig. Wahrscheinlich einer der stärksten modifizierbaren Faktoren, gerade wenn es um Ausdauer geht. Krafttraining. Und gerade bei uns Frauen ab vierzig wird es ja auch immer wichtiger, unsere Muskulatur zu erhalten und auch Muskeln aufzubauen. Das würde ich auch als konkreten Hebel nennen wollen. Und dann ist da natürlich die Ernährung. Ich bin ja ein Fan der mediterranen Diät, das heißt überwiegend unverarbeitete Lebensmittel. Es muss gar nicht eine komplizierte Longevity Diät sein, sondern man sollte versuchen, eine pflanzenreiche Ernährung zu haben, mit viel Gemüse, vielen Hülsenfrüchten, Ausreichend Ballaststoffen und auch ausreichend Protein. Genau. Und wenn man dann noch auf Zucker verzichtet, dann ist das wunderbar.

(C. Lesniewski) Und ist das dann eigentlich schon die moderne Prävention im Endeffekt? Was sagst du dazu? Oder braucht es da noch mehr?

(Viyan Sido) Ich würde schon sagen, dass Prävention bei uns selbst beginnt. Also es reicht jetzt nicht aus, zum Frauenarzt zu gehen oder zum Hausarzt zu gehen, sondern wenn es. Gerade wenn es um Ärzte geht, dann sollte das natürlich interdisziplinär und lebensphasenorientiert erfolgen. Vor allem bei uns Frauen. Man sollte zum Beispiel auch als Patient selbst schon gut Bescheid wissen über seine Familienanamnese, über die eigenen Risikofaktoren. Also es macht gar keinen Sinn, irgendwie wahllos irgendwelche Biomarker zu bestimmen, sondern man sollte eben auch einfach erst mal seine Risikofaktoren kennen. Aber ich wiederhole es wieder gerne Prävention darf kein Luxus werden. Und deshalb ist meine Empfehlung, dass jeder einfach klein anfangen sollte. Also man muss jetzt nicht sein ganzes Leben umkrempeln, sondern einfach Gewohnheiten an bestehende Routinen knüpfen. Und ja, damit fängt Prävention bei uns an, ja.

(C. Lesniewski) Und was ist so? Da bin ich natürlich neugierig. Was ist so dein persönlicher Tipp, den du jeder Frau irgendwie mitgeben würdest und den die meisten tatsächlich unterschätzen?

(Viyan Sido) Hm, ja, auch spannend. Also ich setze auf Routinen statt nur auf Motivation, muss ich sagen. Denn Motivation, die schwankt. Die hat auch mal auf ein Auf und Ab. Aber letztlich sind es die Gewohnheiten, die uns durch den Alltag tragen. Und deshalb versuche ich immer ganz viel Bewegung in den Alltag zu integrieren. Also wirklich morgens mit dem Fahrrad an der Alster entlang zu fahren auf dem Weg zur Arbeit. Ich versuche, meine Schlafenszeiten zu schützen. Wie schon gesagt, wirklich immer zur selben Zeit ins Bett zu gehen, auch zur selben Zeit aufzuwachen. Natürlich kann man das auch nicht immer machen. Also wenn man jetzt im Urlaub ist, dann schläft man vielleicht auch mal aus und das ist auch gut so, aber ich habe halt gern diese Routinen im Alltag. Ich finde es wichtig, Vorsorge wahrzunehmen. Ja, und deshalb habe ich eben auch dieses Buch geschrieben. Nicht um Frauen noch mehr To dos zu geben auf der Liste, sondern um einfach aufzuzeigen, welche Dinge wirklich einen Unterschied machen können in deinem Leben. Denn ich glaube ja, dass die wirksamsten Maßnahmen nichts kosten. Also Schlaf, Bewegung, eine gute Ernährung und deshalb sollte man eben mit diesen wirksamen Maßnahmen beginnen. Aber auch gesetzliche Angebote zum Beispiel konsequent nutzen.

(C. Lesniewski) Super, vielen lieben Dank! Ja, liebe Viyan, vielen Dank für diese spannende Gespräch und für die vielen konkreten Impulse dazu. Was Frauen selbst auf ihre Gesundheit und ein möglichst langes Leben tun können. Und an unsere Zuhörerinnen und Zuhörer. Welche Erkenntnis nehmen Sie aus dieser ersten Folge für sich vielleicht mit und welchen kleinen Schritt können Sie schon heute für Ihre langfristige Gesundheit gehen? Wir sind gespannt. Und in der zweiten Folge erweitern wir den Blick noch einmal. Es gibt nämlich eine zweite Folge mit Frau Dr. Whan Sido. Dann sprechen wir darüber, welche Bedeutung Bildung, Gesundheitskompetenz, aber auch die Eigenverantwortung für die Gesundheit von Frauen haben. Außerdem geben wir der spannenden Frage nach, wie sich Partnerschaften auf die Frauengesundheit auswirken können. Vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns, wenn ihr in der zweiten Folge wieder mit dabei seid.

(Viyan Sido) Danke.

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